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Mayers Weltwirtschaft : Mut zur Aktie

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Trotz der jüngsten Unruhen an den Finanzmärkten sollten Anleger 2019 auf Aktien keineswegs verzichten.

          Mancher Anleger dürfte beim Kassensturz seines Vermögens zum neuen Jahr Wehmut empfunden haben. Denn wer den Anreizen der langjährigen Niedrigzinspolitik der Zentralbanken gefolgt ist und seine Aktienquote deutlich erhöht hat, könnte Ende 2018 festgestellt haben, dass der Buchwert seines Vermögens prozentual noch tiefer gesunken ist als während der Großen Finanzkrise von 2007 bis 2009. Doch statt den vermeintlichen Verlust zu beklagen, sollte er sich lieber über die Gewinne freuen, die ihm durch die Umschichtung vorher entstanden sind.

          Betrachten wir dazu den Fall eines Anlegers, der sein in Euro zu bewertendes Vermögen zu 60 Prozent in sieben bis zehn Jahre laufende globale Staatsanleihen (entsprechend dem FTSE Global Government Total Return Index) und zu 40 Prozent in globale Aktien (FTSE All World Equities Total Return) angelegt hat. Seit seinem letzten Hochpunkt im September 2018 ist der Buchwert des Aktienvermögens um 11 Prozent gefallen, auf Jahresraten umgerechnet beinahe so stark wie in der Finanzkrise. Da immerhin der Wert der Anleihen um 4 Prozent gestiegen ist, hat sich der Buchwert des Depots insgesamt um 2,1 Prozent verringert.

          Dies ist zwar weniger als der Rückgang des gleichen Portfolios um 3,8 Prozent während der Finanzkrise. Aber mancher Anleger wird seit der Krise auf die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken mit einer Erhöhung des Aktienanteils in seinem Portfolio reagiert haben. Angenommen, der Anteil der Anleihen wurde 2009 auf 20 Prozent gesenkt und der Aktienanteil auf 80 Prozent erhöht, dann muss der Anleger Ende 2018 einen Buchverlust seines Vermögens von rund 8 Prozent verkraften. Noch schlimmer erwischt es Investoren in deutsche Werte. Der Buchwert eines zu 60 Prozent aus deutschen Staatsanleihen (FTSE Total Return German Government Bond Index mit 7-10 Jahre Laufzeiten) und zu 40Prozent aus deutschen Aktien (Dax) bestehenden Portfolios fiel um 7,7 Prozent, der Wert eines „20:80“-Portfolios sogar um 17,4 Prozent.

          Sollte man nun daraus schließen, dass es falsch war, den Aktienanteil zu erhöhen? Die Antwort wäre ja, wenn die vielfach vertretene These stimmen würde, dass die niedrigen Zinsen der jüngsten Zeit nicht von den Zentralbanken erzwungen worden wären, sondern ein niedrigeres Wachstum der Weltwirtschaft widerspiegeln würden. Da für die Bewertung von Aktien nicht der Zins, sondern die Differenz zwischen Zins und Wachstum ausschlaggebend ist, wären die Aktienpreise nicht gestiegen, wenn sowohl Zins und Wachstum um den gleichen Betrag gefallen wären. Bei dem „20:80“-Portfolio läge man Ende 2018 nun tief im Minus gegenüber dem letzten Tiefpunkt der Aktienpreise im Februar 2009. Doch die Marktentwicklung widerlegt diese These.

          Bitte Kassensturz machen

          Seit Februar 2009 ist der Gesamtertrag auf globale Aktien bis Ende 2018 mit einer Jahresrate von 13,7 Prozent gewachsen. Da Anleihen einen Ertrag von nur 4,2 Prozent pro Jahr abwarfen, belief sich der Gesamtertrag eines „60:40“-Portfolios auf 7,3 Prozent, der eines „20:80“-Portfolios dagegen auf 11,2 Prozent pro Jahr. Das heißt, dass sich der Wert des globalen „20:80“-Portfolios trotz des Einbruchs im vierten Quartal 2018 gegenüber seinem Wert im Februar 2009 beinahe verdreifacht hat. Der Wert des „60:40“-Portfolios hat sich verdoppelt, während der Wert des reinen globalen Anleiheportfolios nur um die Hälfte gestiegen ist. Da in Deutschland Aktien einen etwas geringeren Ertrag von 10,8Prozent pro Jahr abwarfen und die Anleihen mit 4,5 Prozent pro Jahr etwas mehr rentierten, stiegen die Werte der Portfolios mit Aktien etwas weniger als auf globaler Ebene.

          Wer sich von der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken in den vergangenen Jahren in Aktien treiben ließ, sollte ihnen also dankbar sein, statt über den Buchwertverlust seines Vermögens im vierten Quartal 2018 zu jammern. Da der Zinsverfall eben nicht durch den Rückgang des Wachstums der Wirtschaft verursacht wurde, sondern von den Zentralbanken erzwungen wurde, stiegen die Aktienpreise und bescherten den Aktienbesitzern gute Gewinne.

          Aber wie sieht es aus, wenn die Aktienkurse 2019 noch weiter fallen? Um den durch den Anstieg der Aktienpreise in den vergangenen Jahren erzeugten Wertzuwachs der gemischten Portfolios gegenüber einem reinen Anleiheportfolio zunichte zu machen, müssten die globalen Aktienpreise um weitere 57 Prozent sinken. Die gesamten Verluste am Aktienmarkt gingen dann weit über das Ausmaß während der Finanzkrise hinaus. Das ist zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich. Aktienanlagen dürften daher auch in Zukunft die Nase vorn haben.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

           

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