https://www.faz.net/-gqe-9smx6

Mayers Weltwirtschaft : Afrikas wahres Problem

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Entwicklungshilfe bringt Afrika nicht voran. Besser wäre es, der Kontinent würde sich an China ein Beispiel nehmen.

          3 Min.

          Im britischen Magazin „Economist“ lautete kürzlich die Überschrift eines Leitartikels: „Wie man seine unrechtmäßige Beute behält“. Mit bitterbösem Humor wurde dort beschrieben, wie afrikanische Potentaten seit Jahrzehnten ihre bettelarmen Länder ausplündern. Noch gut ist mir aus meiner Zeit beim Internationalen Währungsfonds (IWF) Mobutu Sese Seko in Erinnerung, dessen Land, das damals Zaire hieß, ein erfolgloses IWF-Programm nach dem anderen absolvierte. Laut „Economist“ hielt er sich ein Überschallflugzeug der Marke Concorde für seine Ausflüge und versorgte seine Entourage mit 10000 Flaschen Champagner pro Jahr.

          Die Kleptokraten sind auch heute noch gut unterwegs, leben aber gefährlicher. So ist der ehemalige Finanzminister von Mozambik dieses Jahr wegen des Erschwindelns von zwei Milliarden Dollar ins Visier der amerikanischen Justiz geraten, und dem Sohn des Präsidenten von Äquatorialguinea haben die Schweizer Behörden vergangenen Monat Sportwagen im Wert von 27 Millionen Dollar abgenommen. Natürlich gibt es Korruption und organisierte Kriminalität auch auf anderen Kontinenten. Doch der afrikanische bekommt die meisten offiziellen Entwicklungshilfegelder, und Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien der drittgrößte Geldgeber. Da ist die Frage erlaubt, warum so viele afrikanische Politiker in Saus und Braus leben, während der Kontinent wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt.

          Achtung, Kleptokraten!

          Meine über lange Zeit gereifte Vermutung ist, dass es weder an der Unterdrückung durch die Kolonialisten noch an ungenügender Wiedergutmachung für deren Missetaten durch Entwicklungshilfe, sondern an der Unfähigkeit der afrikanischen Gesellschaften liegt, den Sprung zur liberalen Gesellschaftsordnung zu schaffen. Im Gegensatz zu anderen Regionen haben die europäischen Kolonialmächte die afrikanischen Stammesgesellschaften weder vollständig ausgerottet noch wesentlich weiterentwickelt. Sie haben sich diese aber unterworfen. Daher war es wohl nicht zu vermeiden, dass Stammesführer das nach dem Abzug der Kolonialmächte entstandene Machtvakuum wieder füllten.

          Manchen nutzten die marxistische Beschreibung der kommunistischen Gesellschaft als Vollendung der Stammesgesellschaft und gaben sich einen fortschrittlichen, sozialistischen Anstrich, um sich so sowjetische Hilfe zu sichern. Andere ließen sich lieber von den kapitalistischen Gegnern der Sowjetunion besser bezahlen. Hier wie dort blieb das Modell der Stammesgesellschaft erhalten. Nach dem Ende der Sowjetunion waren die afrikanischen Stammesfürsten von Großmächten weniger umworben, aber nicht minder totalitär und oft weiterhin korrupt. Allerdings bekamen sie nun weniger großzügig Geld von außen und konnten nur noch das eigene Land auspressen. Ich schätze, ein Robert Mugabe, der kürzlich verstorbene Herrscher Zimbabwes, erreichte trotz ähnlich starker Anstrengungen nicht mehr die kleptokratische Flughöhe eines Mobutu Sese Seko. Mit dem Einzug Chinas in den afrikanischen Kontinent dürften sich die Aussichten für kleptokratische Stammesfürsten allerdings wieder verbessern.

          Die Idee der „Charter Cities“

          Statt um chinesisches Geld zu werben, sollten sich die Afrikaner besser ein Beispiel an der chinesischen Entwicklungspolitik nehmen. Unter Deng Xiaoping lockerte die chinesische Staatsführung die zentrale Wirtschaftsplanung und übernahm Elemente der liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Dem Markt wurde eine größere Rolle bei der Koordination der wirtschaftlichen Handlungen einzelner gegeben und die Menschen erhielten Besitz- und Eigentumsrechte. Dabei spielten Sonderwirtschaftszonen eine wichtige Rolle. Dort trieb die Regierung die liberalen Reformen weiter und schneller voran, um Erfahrungen zu sammeln, die auf den Rest des Landes übertragen werden konnten.

          Inspiriert davon hat der Nobelpreisträger Paul Romer „Charter Cities“ als Keimzellen für die Entwicklung armer Länder vorgeschlagen. Dabei könnten entwickelte Länder mit einer starken liberalen Ordnung als Vorbild dienen und Patenschaften für diese Städte übernehmen. Günter Nooke, der Afrikabeauftragte von Bundeskanzlerin Merkel, schlägt „Migrantenstädte“ nach dem Modell der deutschen freien Reichsstädte vor. Statt die Menschen in Lagern zur Untätigkeit zu verdammen, sollten sie auf „Inseln guter Regierungsführung“ selbst aktiv und für ihre Umgebung zur Inspiration werden. Afrika ist nicht nur der größte Empfänger von Entwicklungshilfe, sondern auch das Armenhaus der Welt, dem viele Menschen entfliehen wollen. Im eigenen Interesse sollten wir den Afrikanern helfen, eine gute Lösung für ihre Miseren finden.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.