https://www.faz.net/-gqe-9se7k

Mayers Weltwirtschaft : Deutschland im Abschwung

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Der deutschen Wirtschaft geht es nicht gut. Es droht eine ausgeprägte Rezession.

          3 Min.

          Bei der Konjunkturbeobachtung hat es sich eingebürgert, von „Rezession“ zu sprechen, wenn das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Quartale nacheinander geschrumpft ist. Das kann jedoch irreführend sein, wenn der Rückgang des BIP mit Schwankungen erfolgt. Aus diesem Grund bestimmt das National Bureau for Economic Research (NBER) Rezessionen für die Vereinigten Staaten auf der Grundlage eines breiten Datensatzes. Meine Kollegin Agnieszka Gehringer und ich haben einen vergleichbaren Ansatz für Deutschland entwickelt und klare Anzeichen dafür gefunden, dass die Wirtschaft seit April dieses Jahres in der Rezession steckt.

          Wie lang und tief der Abschwung ausfallen wird, hängt davon ab, ob die von der Industrie ausgehende Rezession durch eine zusätzliche Schwäche der Konsumnachfrage verstärkt wird. Gegenwärtig sieht es leider danach aus, dass die Furcht vor dem Klimawandel und vor dem Verlust an Ersparnissen durch negative Zinsen den Abschwung verstärken könnte.

          John Maynard Keynes, der Großmeister der heute modernen Ökonomie, sprach von „Animal Spirits“ (Lebensgeistern) als besonders wichtigem Treiber für wirtschaftliche Handlungen, und Ludwig Erhard, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders, meinte: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“. Nobelpreisträger Robert Shiller hat Konjunkturabschwünge studiert und herausgefunden, dass durch Erzählungen verbreitete Angst einen wesentlichen Einfluss auf die Tiefe und Länge der Depression von 1920/1921 und der Großen Depression der 1930er Jahre hatte. Das schien Präsident Franklin Roosevelt gespürt zu haben, als er zu seinem Amtsantritt im Jahre 1933 erklärte: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Angst selbst, namenloser, unvernünftiger, ungerechtfertigter Terror, der die notwendigen Anstrengungen lähmt, um den Rückzug in Fortschritt umzuwandeln.“

          Die Folgen schlechter Stimmung

          Viele Konjunkturbeobachter verorten die gegenwärtige Schwäche der deutschen Wirtschaft in der Abschwächung des Welthandels aufgrund des Handelskriegs zwischen Amerika und China. Im Inland sehen sie keine vergleichbaren Belastungen und bleiben daher gelassen. Dabei übersehen sie zwei Dinge. Erstens kann die schlechte Stimmung in der Exportindustrie auf die Stimmung im heimischen Markt wie eine ansteckende Krankheit übergreifen. Zweitens verbreiten mit der Konjunkturentwicklung nicht direkt verbundene Erzählungen Angst, die das Verhalten der Konsumenten beeinflussen können. In der Psychologie ist diese Art der Übertragung von Gefühlen als Affektheuristik bekannt.

          Die wissenschaftliche These vom Klimawandel wird überwiegend als drohende Apokalypse erzählt. Greta Thunberg, die Ikone der Bewegung, will, dass ihre Anhänger „Panik“ verspüren. Verstärkt wird die Angst durch die Kampagne der Deutschen Umwelthilfe gegen den Dieselmotor. Von ganz anderer Seite verbreitet die Erzählung über die von der Europäischen Zentralbank (EZB) erzwungenen negativen Zinsen Angst. Sparer fürchten um ihre Notgroschen, zumal die EZB erklärtermaßen durch höhere Inflation die Kaufkraft dieser Rücklagen mindern will. Beide Erzählungen, die vom Klimawandel und die von kommenden „Strafzinsen“ für Bankkunden, können ein Klima der Angst erzeugen, das auch das Konjunkturklima erfasst.

          Was das Meinungsbild prägt

          Wie diese Erzählungen das Meinungsbild beeinflussen, kann man mit „Google Trends“ analysieren, das die auf der Suchmaschine abgefragten Themen seit 2004 erfasst. Die Anfragen für „Klimawandel“ erreichten Spitzen im März 2007, ein paar Wochen nach der Oscarprämierung des Klimafilms „Eine unbequeme Wahrheit“, und im September 2019, nach der Wutrede Greta Thunbergs auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Die Anfragen für „Negativzins“ kulminierten auf niedrigerem Niveau im August 2019. Vergleicht man diese Anfragen mit denjenigen für „Rezession“, so ergibt sich über viele Jahre kein Zusammenhang. Als „Rezession“ im Oktober 2008 eine absolute Spitze erreichte, war das Thema „Klimawandel“ schon wieder von geringem Interesse. Jedoch zeigt sich der Zusammenhang im Verlauf der vergangenen zwölf Monate. Vom Herbst 2018 an begannen die Anfragen für „Rezession“ und „Klimawandel“ zu steigen, im Juli 2019 kam die Anfrage für „Negativzins“ dazu. Derzeit dominiert klar das Thema „Klimawandel“, gefolgt von „Rezession“ und „Negativzins“.

          Heute scheinen negative Erzählungen das Meinungsbild zu beherrschen. Gute Botschaften sind kaum zu hören. Das spricht dafür, dass die deutsche Wirtschaft eher eine ausgeprägte Rezession als eine vorübergehende Konjunkturdelle erleben könnte.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

           Unsere Sprinter-Autorin: Anna-Lena Ripperger

          F.A.Z.-Sprinter : Die Last der Macht

          Die Linke muss sich nach dem Rückzug von Sahra Wagenknecht nach einer neuen Ko-Vorsitzenden umschauen und auch der CDU könnten unruhige Zeiten bevorstehen. Was sonst wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.