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Mayers Weltwirtschaft : Das Versagen der Eliten

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Seit der Lehman-Pleite sind Politiker und Finanzelite entzaubert. Populisten haben Auftrieb, die liberale Ordnung ist in Gefahr.

          Es gibt Momente, die die Welt verändern. Dazu gehören sicherlich die Öffnung der Berliner Mauer und der Anschlag islamistischer Terroristen auf das New Yorker World Trade Center. Für mich gehört dazu aber auch die Pleite der amerikanischen Bank Lehman Brothers am 15. September 2008. Der Bankrott dieser Bank vor zehn Jahren markierte den Höhepunkt der Finanzkrise 2007/08. Er leitete aber auch die Entzauberung der Eliten im Finanzbereich, der Politik und der Wirtschaftswissenschaften ein, die bis heute anhält.

          Während des Konjunkturaufschwungs, der in die Finanzkrise führte, galten die Anführer der Finanzelite als die „Meister des Universums“. Auch ich hielt damals die Stars der Hedgefonds, die „Dealmakers“ im Investmentbanking und den Schutzpatron der Finanzmärkte, den amerikanischen Notenbankchef Alan Greenspan, für Genies. Schließlich verdienten die einen Geld wie Heu, und der andere wurde wie ein Finanzgott verehrt. Mit der Lehman-Pleite wurde jedoch klar, dass die Finanzeliten nur Meister des billigen Geldes waren. Statt Werte zu schaffen, „finanzialisierten“ sie die Wirtschaft zu ihrem Vorteil. Erst später begriff ich, dass ich davon und nicht vom Wert meiner Leistung profitiert hatte.

          In den guten Zeiten machte die Politik den Meistern des billigen Geldes den Hof. Nach der Lehman-Pleite schob sie diesen den Schwarzen Peter zu. Das wäre zu verzeihen gewesen, hätte sich die Politik nun nicht selbst zum Meister des billigen Geldes aufgeschwungen. Statt von den „Financial Engineers“ wurden die Kreditzinsen von den Zentralbanken heruntergeschleust und das Geld den (meist staatlichen) Kreditnehmern in die Hände gedrückt. Damit verhinderte die Politik eine tiefere Rezession, verschleppte aber die notwendige Anpassung und wandelte ein akutes in ein chronisches Problem. Ein bescheidenes Einkommenswachstum für die Massen und Umverteilung zugunsten derer, die schon von der Finanzialisierung profitiert hatten, förderte den Aufstieg der Elitengegner. Dank der stümperhaften Reaktion der politischen Elite auf die Migration schafften diese Gegner den politischen Durchbruch.

          Die Wirtschaftswissenschaften schufen nicht nur die Grundlage für das desaströse Financial Engineering durch die privaten Meister des billigen Geldes im Aufschwung, sondern sie lieferten auch den öffentlichen Meistern dieser Disziplin den Instrumentenkasten für die fortgesetzte Flutung der Wirtschaft mit billigem Geld im Abschwung. Als Praktiker erwartete ich nach der Lehman-Pleite von den Kardinälen dieser Wissenschaft eine ehrliche Debatte über deren Versagen. Das war naiv. Statt ihre Lehre auf den Prüfstand zu stellen, schlossen sie die Wagenburg zu ihrer Verteidigung. An den Universitäten werden noch immer die Grundlagen des Financial Engineering gelehrt, und noch heute folgen die Zentralbanken zur Lösung der durch die Finanzkrise verursachten Probleme der Lehre, die zu ihrer Entstehung beigetragen hat. Statt diese Lehre in Frage zu stellen, rief man nach mehr staatlicher Regulierung.

          Während die Verschleppung der Anpassung die Grundlage für die nächste Krise gelegt hat, hat die Entzauberung der Eliten die liberale Gesellschaftsordnung unterminiert. Heute sind die Schulden weltweit noch höher als vor der Lehman-Pleite und die Zinsen auf Rekordtiefs. Jeder Versuch zur „Normalisierung“ der Zinsen bringt das Kartenhaus der Schulden zum Wanken. Gegenwärtig ist dies in der Reaktion überschuldeter Schwellenländer auf die Zinsanhebungen der amerikanischen Notenbank Fed zu sehen. Die Zentralbanken sind zu Gefangenen der Schuldner geworden, die sie mit ihrer Niedrigzinspolitik herangezüchtet haben. Sollte die Inflation jemals wieder steigen, werden sie als Kaiser ohne Kleider dastehen. Denn erhöhen sie die Zinsen zur Inflationsbekämpfung, kommt die nächste Schuldenkrise, nehmen sie die Inflation aber hin, verliert das Publikum das Vertrauen in sie und das von ihnen geschaffene Geld.

          In der Zwischenzeit erlaubt die Enttäuschung über die Eliten deren populistischen Gegnern die Aushöhlung der liberalen Gesellschaftsordnung. Unsere wissensteilige Gesellschaft funktioniert nur, wenn der eine darauf vertrauen kann, dass sich der andere an die gesellschaftlich vereinbarten Regeln hält. Politiker wie Amerikas Präsident Trump holen sich Auftrieb dadurch, dass sie die von den Eliten unter den Teppich gekehrten Probleme benennen. Sobald sie an der Macht sind, zerstören sie aber das für die liberale Gesellschaftsordnung grundlegende Vertrauen in Regeln und Institutionen. Die Lehman-Pleite hätte der Weckruf für einen Kurswechsel in Politik, Finanzindustrie und Wissenschaft sein können. Das war sie nicht. Es ist nun höchste Zeit, daraus die Lehren zu ziehen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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