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Mayers Weltwirtschaft : Eine Frage der Identität

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die D-Mark und der Fußball haben früher Identität gestiftet. Davon ist nicht mehr viel übrig. Jetzt kann nur noch Ludwig Erhard helfen.

          Aus liberaler Sicht verkörpert der Nationalstaat eine Regelgemeinschaft, in der die Freiheit des einen nur dort begrenzt wird, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wer die Regeln der Gesellschaft, die sich durch Versuch und Irrtum über die Zeit entwickelt haben, bejaht und an ihrer Weiterentwicklung konstruktiv mitwirkt, kann ungeachtet seiner Herkunft Mitglied der liberalen Gesellschaft werden. Aus illiberaler Sicht verkörpert der Nationalstaat dagegen eine Volksgemeinschaft, in der ein Diktator oder Autokrat im Namen der Mehrheit des Volkes, an deren Spitze er sich selbst gesetzt hat oder gewählt wurde, einen von ihm definierten Volkswillen durchsetzt. Die Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft oder Nation wird aus dieser Sicht nach Herkunft bestimmt. Wer nicht in sie hineingeboren ist, kann auch nicht dazugehören.

          Nach dem Ende der Naziherrschaft über die deutsche Volksgemeinschaft wurde den Deutschen im Westen des Landes von den dortigen Besatzungsmächten der Weg zur liberalen Regelgemeinschaft gebahnt. Da Nationalfahne und Hymne zur Identitätsstiftung von den Nazis missbraucht worden waren, musste sich die neue liberale Gesellschaft dazu anderer Mittel bedienen. Die D-Mark war eines davon. Im Juni 1948 von der amerikanischen Militärregierung eingeführt, gewann sie wegen der gleichzeitigen Freigabe aller Preise durch Ludwig Erhard schnell das Vertrauen der Bürger als werthaltiges Tauschmittel. Freie Preise und eine harte Währung legten den Grundstein für das in den fünfziger Jahren beginnende „Wirtschaftswunder“. Mit der dafür stehenden D-Mark kam ein Stück Selbstvertrauen für die Bürger der neugegründeten Regelgemeinschaft zurück. Die andere Quelle dafür war der Fußball. Während der Weltmeisterschaft von 1954 kam es zum „Wunder von Bern“: Die deutsche Elf holte sich den Titel. Beides trug zur Identität der Regelgemeinschaft bei, die davor zurückscheute, sich als eigenständige Nation zu betrachten, solange Deutschland geteilt blieb.

          Heute verstehen wir uns als deutsche Nation, aber von den ursprünglichen Identitätsstiftern ist nichts mehr übrig. Mit der Einführung des Euros haben wir nicht nur die D-Mark, sondern auch die Regelgemeinschaft aufgegeben, für die sie einmal stand. Im Verlauf der Euro-Krise wurden alle Regeln gebrochen, die für die europäische Einheitswährung aufgestellt worden waren. Statt unter Beachtung der vereinbarten Regeln wurde mit zweckdienlichen Bestimmungen regiert. Der von den regierenden Eliten zur Staatsräson erhobene Zweck war der Erhalt des Euros um jeden Preis.

          Wie die D-Mark ist auch das Wunder von Bern verblasst. Verband der Fußball damals Bürger, die in der Regelgemeinschaft abseits der Volksgemeinschaft Zusammenhalt suchten, so ist er heute zu einer von kommerziellen Interessen getriebenen Mogelpackung verkommen. Global agierende Ich-AGs versammeln sich unter nationalen Symbolen, um ihrem Publikum für kurze Zeit nationale Zusammengehörigkeit vorzuspielen. Wenn dann aber millionenschwere Ballartisten wegen ihrer ethnischen Herkunft einem fremden Autokraten huldigen, fliegt der Schwindel auf. Vielleicht sitzen wir noch immer vor dem Fernseher, wenn „die Mannschaft“ im Land eines anderen Autokraten spielt, aber was die mit uns zu tun haben soll, ist nicht mehr klar. Da helfen auch keine Audienzen beim deutschen „Zweitpräsidenten“ mehr.

          In die Lücke stoßen völkische Populisten. Mit dem Schlachtruf „Wir sind das Volk“ erheben sie den Anspruch, den Volkswillen zu repräsentieren. Identität wird hier nicht mehr durch die Zugehörigkeit zur Regelgemeinschaft freier Bürger, sondern durch ethnische Herkunft geschaffen. Und der Staat ist nicht mehr dazu da, die Einhaltung der von der Bürgergesellschaft entwickelten Regeln zu sichern, sondern den „Volkswillen“ durchzusetzen. Statt „rule under the law“ gilt auch hier „rule by law“, allerdings mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr die Eliten, sondern selbsternannte Volksgenossen bestimmen, was der Volkswille zu sein hat.

          Wollen wir nicht in die nationale Volksgemeinschaft zurückfallen, müssen wir der Regelgemeinschaft einen neuen Leuchtturm zur Orientierung geben. Nach dem Verlust von Währung und Fußball bleibt da aus meiner Sicht nur noch der Vater des Wirtschaftswunders: Ludwig Erhard. Die Rede ist hier nicht von dem weichgespülten Erhard, den inzwischen sogar schon Sozialisten als Kronzeuge für Umverteilungspolitik in Anspruch nehmen, sondern von dem wahren Erhard, der dem Staat zurief: „Kümmere du, Staat, dich nicht um meine Angelegenheiten, sondern gib mir die Freiheit, mein Schicksal selbst zu gestalten!“

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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