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Mayers Weltwirtschaft : Amerikas Abstieg

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr die alles beherrschende Weltmacht. Das setzt ungeheuerliche Kräfte frei.

          Von Stefan Zweig haben wir gelernt, dass das 19. Jahrhundert erst 1914 bis 1918 gewaltsam endete. Auch das 20. Jahrhundert scheint erst mehr als ein Jahrzehnt nach dem kalendarischen Jahrhundertwechsel seinem Nachfolger Platz zu machen. Vielleicht werden künftige Historiker den Aufstieg Xi Jinpings im Jahr 2012 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas als Beginn der Zeitenwende sehen. Den Abschluss des Übergangs in eine neue Zeit könnten sie ins Jahr 2016 legen, in dem Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde.

          Das 20. Jahrhundert war gekennzeichnet vom Aufstieg Amerikas an die Spitze der Weltmächte. Dies ging nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen ab. Die Vereinigten Staaten führten zwei Weltkriege, zwei Kriege in Asien und den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion, bis sie im Jahr 1990 die unangefochtene Hegemonialmacht geworden waren. In diesem Jahr machte Amerikas Wirtschaft 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Welt aus. Japan, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht, und Deutschland, die drittgrößte Wirtschaftsmacht, hatten einen Anteil von 9Prozent beziehungsweise 6Prozent. Die Sowjetunion zerfiel.

          Das Vorrecht einer globalen Hegemonialmacht ist es, die Regeln festzulegen, nach denen sich kleinere Mächte zu richten haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten die amerikanische Weltordnung, die manchmal als Pax Americana bezeichnet wird, obwohl sie so friedlich gar nicht war. Die Regeln dieser Ordnung kristallisierten sich in Institutionen wie dem „General Agreement on Tariffs and Trade“, dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Nato. Unter dem „Washington-Konsens“ und dem militärischen Schutzschirm Amerikas konnten sich Europas Staaten von den Zerstörungen der beiden Weltkriege erholen und politisch neu ordnen.

          Doch die Stellung Amerikas wurde ab 1990 von zwei Entwicklungen unterminiert. Zum einen ließen sich die Vereinigten Staaten im Anspruch, ihre Werte global durchzusetzen, in drei Kriege im Nahen Osten hineinziehen, die enorme Kosten verursachten und in der Summe verlorengingen. Zum anderen nutzte die frühere Weltmacht China die von Amerika geschaffene Weltordnung geschickt, um sich nach Jahrhunderten wieder nach oben zu kämpfen. Heute ist China mit einem Anteil am Welt-BIP von 18 Prozent vor Amerika die führende Wirtschaftsmacht. Auch militärisch will China in den nächsten Jahren zu Amerika aufschließen, um das Land schließlich zu überholen. Mit der Ablösung der Vereinigten Staaten an der Weltspitze verliert die von ihnen geschaffene Weltordnung an Bindungskraft. Solange es keine neue Hegemonialmacht gibt – oder die alte wieder ihre Stellung zurückerobert –, verfolgen die konkurrierenden Mächte vor allem eigene Interessen. Dazu passt die Politik von Donald Trump („Make America great again“) ebenso wie die von Staatschef Xi Jinping verfolgte Strategie, ein auf dem Primat des Staates fußendes autoritäres oder gar totalitäres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu Hause und weltweit durchzusetzen.

          Die Auflösung der amerikanischen Weltordnung erfasst die aus ihr abgeleitete Ordnung in Europa. Auch hier kehrt die harte Realpolitik der Verfolgung nationaler Interessen zurück. Der Brexit ist ihre stärkste Manifestation, aber auch der Aufstieg nationaler Interessenpolitik in Italien, Polen, Ungarn, Frankreich und anderen Ländern ist ein Zeichen der Auflösung der unter der amerikanischen Hegemonie errichteten europäischen Ordnung. Das sich vom amerikanischen Hegemonen gedemütigt fühlende Russland ist eifrig bemüht, die Auflösung der amerikanischen Ordnung und ihres europäischen Ablegers zu befördern. Von den Vereinigten Staaten und von Europa abgestoßen, nähert es sich China an.

          Während für andere Länder das 21.Jahrhundert der harten Realpolitik begonnen hat, leben wir mehrheitlich noch in der Welt von gestern. Die deutsche Regierung verfolgt eine Europa-Politik, in der zum Erstaunen anderer Länder die Vertretung deutscher Interessen kaum eine Rolle spielt. Und sie will mit internationalen Abkommen in der Klima- und Migrationspolitik, aus denen die eine Supermacht schon ausgestiegen ist und welche die andere kühl ihren Interessen unterordnet, die Welt verbessern oder gar retten. Für eine wirtschaftliche Mittelmacht, die gegen den industriellen Abstieg kämpft, und einen politischen Zwerg, der zwischen den Supermächten auf der Weltbühne ziemlich verloren scheint, ist das ganz schön anspruchsvoll. Doch mit dem langen Abschied Angela Merkels geht auch für uns das 20. Jahrhundert zu Ende. Das Ringen um Antworten auf die Herausforderungen des 21.Jahrhunderts hat begonnen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach

          von Storch Research Institute und

          Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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