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Mayers Weltwirtschaft : Neue Angst am Aktienmarkt

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wenn sich die Sorgen vor steigender Inflation bewahrheiten, sind tiefere Kurseinbrüche zu erwarten. Dann sind die Notenbanken gefragt.

          Der Vix misst die Volatilität des amerikanischen Aktienpreisindex S&P 500, er ist auch als „Index der Angst“ bekannt. Er berechnet, wie viel Anleger bereit sind zu bezahlen, um sich gegen Schwankungen der Aktienpreise zu versichern. Werden steigende Preise erwartet, verzichtet man lieber auf die Versicherung, und der mit dem Vix dafür gemessene Preis ist niedrig. Fürchtet man jedoch fallende Preise, ist eine Versicherung gefragt, und der Vix ist hoch. Vergangenes Jahr erreichte der Vix historische Tiefstände und kam im Jahresdurchschnitt auf einen Wert von nur 11. Am Anfang dieses Jahres hielt der Vix zunächst an seinen Tiefständen fest, und das Aktienjahr begann mit einem fulminanten Auftakt. Doch all dies änderte sich schlagartig Ende Januar. Der S&P 500 sackte zwischen dem 26. Januar und 9. Februar um rund 11 Prozent ab, und der Vix stieg in der Spitze auf mehr als das Dreifache seines Jahresdurchschnitts von 2017 an. Einen ähnlich starken Anstieg hatte es im Sommer 2015 gegeben, als der Markt einen Absturz der chinesischen Wirtschaft fürchtete. Diese Angst erwies sich als unbegründet. Der S&P 500 nahm wieder Fahrt auf, der Vix sank.

          Der jüngste Anstieg des Vix war nicht von der Angst vor einer Rezession getrieben. Im Gegenteil. Nach der Verabschiedung der von Amerikas Präsident Trump initiierten Steuerreform Ende 2017 stiegen die Wachstumserwartungen für die dortige Wirtschaft. Höheres Wachstum geht aber in der Regel mit höheren Realzinsen einher. Folglich stieg zwischen Anfang Januar und Februar der Realzins auf zehnjährige inflationsindexierte amerikanische Staatsanleihen um 0,3 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent. Da höheres Wachstum aber auch höhere Inflation bringen kann, stiegen auch die Inflationserwartungen, so dass die Rendite auf die entsprechende nominale Anleihe um rund 0,5 Prozentpunkte auf knapp drei Prozent kletterte. Gut begründet ist die Erwartung einer Beschleunigung des realen Wachstums. Dagegen ist die aufflammende Angst vor höherer Inflation bisher durch harte Daten nicht gedeckt.

          Mehr Differenzierung zwischen guten und schlechten Unternehmen

          Höhere Zinsen sollten den Aktienmarkt nicht unter Druck setzen, solange sie bessere Wachstumsaussichten widerspiegeln. Andererseits stehen sie auch einem Anstieg der Aktienpreise entgegen, wenn höhere künftige Unternehmensgewinne mit höheren Zinsen diskontiert werden. Wenn die Realzinsen die Wachstumserwartungen spiegeln, dann können die Aktienpreise nur noch steigen, wenn sich die Erwartungen für Unternehmensgewinne überraschend verbessern. Die Luft für einen Anstieg des gesamten Aktienmarkts wird dünner, und es kommt zu einer größeren Spreizung der Erwartungen für einzelne Unternehmen. Manche werden positiv und manche negativ überraschen. Es kommt also zu Bewegung innerhalb des Marktes, die an der durch die Marktindizes abgebildeten Oberfläche wenig sichtbar sind.

          Steigen allerdings die Zinsen stärker, als sich die Aussichten für das Wachstum der Wirtschaft verbessern, leiden die Aktienpreise insgesamt. Dies ist typischerweise dann der Fall, wenn höhere Inflation die Zentralbanken motiviert, die Zinsen nach oben zu treiben, um das Wachstum zu verlangsamen und den Inflationsdruck zu verringern. Gegenwärtig geht die Angst vor Inflation um, ohne dass klar erkennbar ist, ob sie berechtigt ist. Schwillt die Angst an und ab – ausgelöst durch einzelne Datenveröffentlichungen –, werden die Aktienpreise insgesamt mal nach unten und mal nach oben getrieben. So war es im vergangenen Monat zu sehen. Der Ausbruch nach unten wird aber erst dann zu einem größeren Einbruch, wenn sich die Angst vor Inflation bewahrheiten sollte. Denn dann werden die Anleger erwarten, dass die Zentralbanken dem Wachstum einen gehörigen Dämpfer versetzen, um die Inflation einzudämmen. Doch der Spielraum der Zentralbanken für Zinserhöhungen ist begrenzt. Aufgrund hoher Verschuldung würden starke Zinserhöhungen für viele Staaten und Unternehmen den Bankrott bringen.

          Wie schnell reagieren die Notenbanken?

          Man darf also erwarten, dass die Zentralbanken einen aus Inflationsangst der Anleger ausgelösten starken Zinsanstieg bekämpfen würden. Nur ist nicht sicher, wie schnell die Zentralbanken auf einen Angstausbruch reagieren. Wenn sich also die Anzeichen einer steigenden Inflation verdichten, muss mit tieferen Markteinbrüchen gerechnet werden, bis die Zentralbanken deutlich machen, dass sie auf eine effektive Bekämpfung der Inflation verzichten.

          Die „Greenspan Put“ genannte Marktabsicherung durch die Zentralbanken bleibt erhalten. Aber die veränderte Lage am Aktienmarkt bedeutet, dass sich der Anleger in der näheren Zukunft auf höhere Volatilität und mittelfristig auch mal auf einen stärkeren Einbruch am Aktienmarkt einstellen sollte.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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