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Mayers Weltwirtschaft : Die Erzählung von Greta

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg beherrscht die ökonomische Debatte. Das wird sich bald wieder ändern.

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          Die Aussage, dass der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) die Durchschnittstemperatur in der Erdatmosphäre erhöhen würde, ist eine falsifizierbare wissenschaftliche Hypothese. Diese Hypothese kann nicht in einem physikalischen Experiment unter Laborbedingungen getestet, sondern nur durch Induktion gestützt werden. Der unterstellte Zusammenhang kann mit statistischen Korrelationsanalysen und die behauptete Kausalität durch Simulationsrechnungen mit komplexen Klimamodellen geprüft werden. Viele Wissenschaftler halten die Prüfung durch Induktion für aussagekräftig genug, um die Hypothese nicht abzulehnen. Man sollte meinen, dass sich dieses wissenschaftlich sehr anspruchsvolle Thema nicht zu einer politischen Kampagne eignen würde. Dem ist aber nicht so. Dies liegt daran, dass es den Unterstützern der Hypothese gelungen ist, diese in eine mitreißende Erzählung zu verwandeln.

          Der Nobelpreisträger Robert Shiller hat in seinem jüngsten Buch „Narrative Economics“ die Bedeutung von Erzählungen für die Bildung der öffentlichen Meinung zu einem Thema untersucht. Nach Shiller kommt es darauf an, dass die „Erzähler“ ein eingängiges Bild mit einer dringlichen Botschaft und ikonischen Figur für die Verbreitung ihrer Erzählung finden. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann sich die Erzählung wie eine hoch ansteckende Krankheit ausbreiten. Shiller hat herausgefunden, dass sich medizinische Epidemiemodelle zur Beschreibung der Verbreitung von Erklärungen eignen, und mein Kollege Philipp Immenkötter hat die Preisentwicklung für Bitcoin mit einem solchen Modell gut erklären können.

          Für die Verbreitung der Erklärung eines durch CO2 bedingten Anstiegs der Erdtemperatur dürften in den letzten beiden Jahrzehnten insbesondere zwei „Erreger“ eine besondere Rolle gespielt haben. In seinem 2006 erschienenen Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“, der im Februar 2007 mit Oscars prämiert wurde, illustrierte der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore die Folgen der Erderwärmung mit einer Szene, in der sich ein ausgezehrter Eisbär an eine schmelzende Eisscholle klammert. Damit hatte die Hypothese ein Bild. Und als sich die schwedische Schülerin Greta Thunberg am 20. August 2018 mit einem Schild mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ vor ihre Schule setzte, bekam die Hypothese die Ikone einer apokalyptischen Botschaft.

          Den Einfluss dieser Erreger auf die Erzählung vom „Klimawandel“ kann man mit dem Analyseinstrument Google Trends prüfen, das die Häufigkeit von Suchanfragen auf Google registriert. Untersucht man die Häufigkeit der Suchanfrage für „Klimawandel“ in Deutschland seit 2004, findet man zwei Spitzenwerte: den ersten im März 2007 und den zweiten im September 2019. Vergleicht man nun die Suche nach Klimawandel mit der Suche nach „Eisbär“, so fällt die Spitze der Suchanfrage für dieses Wort ebenfalls auf März 2007. Die Kraft des Bildes sieht man auch darin, dass die Zahl der Suchanfragen für „Eisbär“ um mehr als doppelt so hoch war wie die für „Klimawandel“. Der Tod des Berliner Eisbären Knut im März 2011 löste ebenfalls eine Spitze an Suchanfragen aus, die aber nicht die Höhe der früheren erreichte.

          Vergleicht man die Suchanfragen für Klimawandel mit denen für Greta, so findet man eine Spitze im September 2019. Dabei übertrafen die Suchanfragen für Greta die für den Klimawandel um knapp 300 Prozent. Ein ähnliches Ergebnis erhält man, wenn man die Suche nach „Eisbär“ mit der für „Greta Thunberg“ vergleicht. Greta schlägt mit ihrer Spitze im September 2019 die Spitze des Eisbären im März 2007 um rund 70 Prozent. Die apokalyptische Botschaft Gretas hat wohl noch mehr Zugkraft als das Bild. Shiller erklärt, dass auch Erzählungen mit der Zeit ihre Zugkraft verlieren wie Krankheitserreger ihre Ansteckungskraft. Hat eine kritische Masse von Menschen von der Erzählung gehört, lässt das Interesse nach. Nach Gores Eisbärenszene hielt sich ein erhöhtes Interesse am Klimawandel noch bis Sommer 2008. Dann übernahm das Interesse an der Finanzkrise. Jüngst brauchte es die Wutrede Gretas in New York, um das Interesse am Klimawandel hochzuhalten. Falls die Erzählung nicht durch neue Bilder oder Effekte bei Gretas Auftritten gestärkt wird, könnte sie in Zukunft von einer anderen Erzählung verdrängt werden.

          Politiker, die ihre Fähnchen in den Aufwind der Erzählung vom Klimawandel hängen, leben gefährlich. Denn da die Erzählung ihre Zugkraft verlieren dürfte, bevor Früchte des Klimaschutzes sichtbar werden, könnten dessen Kosten die Wähler vergraulen. Neue Erzählvarianten werden dann gebraucht. Aber oft entscheidet der Zufall, ob sie verfangen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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