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Mayers Weltwirtschaft : Die Nachhaltigkeits-Falle

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die EU–Kommission glaubt zu wissen, welche Firmen nachhaltig wirtschaften und welche nicht. So viel Anmaßung ist schädlich.

          3 Min.

          Der politische Druck auf institutionelle Anleger, nachhaltig zu investieren, wird immer größer. Da „Nachhaltigkeit“ eine Worthülse ist, muss sie mit Inhalt gefüllt werden. Doch die Politik hat eine weitere Worthülse hineinverschachtelt, für die das Kürzel „ESG“ steht. „E“ steht für „Environment“ (Umwelt), „S“ für „Social“ (soziale Aspekte) und „G“ für „Governance“ (Unternehmensführung). Eine von der Europäischen Kommission eingesetzte „technische Expertengruppe“ soll nun Inhalte definieren. Was bedeutet das für den Anleger?

          Betrachten wir zwei Unternehmen – nennen wir sie Schwarz und Grün –, die im gleichen Industriesegment produzieren, aber durch geschickte Produktdiversifizierung Kunden an sich gebunden haben. Der „intelligente Investor“ (nach Benjamin Graham) prüft die Qualität der Unternehmensführung („G“), denn davon hängt der Erfolg langfristig ab. Schwarz und Grün schneiden hier gleich gut ab. Er weiß, dass Produktionsweise und Produkte von der Gesellschaft akzeptiert werden müssen („S“), denn nur dann sind die Beschäftigten produktiv und die Produkte für die Kunden attraktiv. Auch hier liegen Schwarz und Grün gleichauf. Der intelligente Investor kann sich über die Kriterien „G“ und „S“ höchstwahrscheinlich ein besseres Urteil bilden, als eine aus Industrievertretern und Interessengruppen zusammengesetzte Expertengruppe. Dennoch wird er vermutlich nicht nur auf Schwarz oder Grün setzen, denn er könnte sich ja auch irren.

          Diversifizierung hilft, die Folgen des Irrtums zu verringern. Vorgaben einer Expertengruppe zu „G“ und „S“ behindern den intelligenten Investor. Aber sie helfen dem dummen Investor. Er braucht nur die Vorgaben der Experten zu erfüllen und sich um die Folgen nicht zu kümmern.

          Kommen wir nun zu „E“ und nehmen an, dass sich Grün von der Politik überreden lässt, den mit seiner Produktion verbundenen Kohlendioxidausstoß (CO2) zu verringern. Dadurch entstehen dem Unternehmen Kosten, denn wäre dem nicht so, hätte es das längst getan. Die erhöhten Kosten schmälern den Gewinn und verringern die Investitionen. Folglich sinkt der Aktienkurs. Schwarz lässt sich nicht überreden. Da seine Gewinne nun höher sind als die von Grün, fließt ihm Kapital zu. Der Aktienkurs steigt relativ zum Buchwert und erlaubt Schwarz mehr Investitionen, bis das Kurs-Buchwert-Verhältnis wieder zum Ausgangswert gefallen ist. Vielleicht bleibt ein grüner Investor Grün trotz einer geringeren Gewinnrendite treu. Doch wenn Grüns Kosten schneller steigen als die von Schwarz, verdrängt Schwarz Grün aus dem Markt. Da die Politik dies vermeiden will, muss sie Schwarz nun zwingen, sich ebenso zu verhalten wie Grün. Der unverbindlichen Überredung folgen Zwangsmaßnahmen.

          Nun betrachten wir Schwarz-Land, in dem viele Technologieunternehmen ansässig sind, deren Produktion naturgemäß mit geringem Ausstoß von CO2 verbunden ist. Zudem spüren andere Unternehmen dort wenig politischen Druck zur CO2-Verringerung. In Grün-Land dominieren dagegen Unternehmen mit hohem CO2-Ausstoß, und der Druck zur Verringerung ist groß. Die Aktien von Schwarz-Land sind folglich viel attraktiver als die von Grün-Land.

          Der Leser hat natürlich längst erkannt, dass mit Schwarz-Land die Vereinigten Staaten und mit Grün-Land Deutschland gemeint sind. Und es dürfte ihn nicht überraschen, zu hören, dass seit Mitte 2017 Amerikas Aktienindex S&P500 um 20 Prozent gestiegen ist, der Dax dagegen nur um fünf Prozent. Kapital fließt aus Deutschland (und ganz Europa) in die Vereinigten Staaten. Will die Politik dies vermeiden, würde es ihrer bisherigen Vorgehensweise entsprechen, Kapitalexportkontrollen zu verhängen. Diese würden sicherstellen, dass deutsches Kapital auch im Ausland nur in Unternehmen fließt, die das „E“-Kriterium erfüllen. Jeder Ökonom weiß aber, dass Kapitalexportkontrollen ein Land zum Paria auf dem globalen Kapitalmarkt machen. Doch nicht jedem unbedarften Politiker ist das klar. Die Interventionsspirale zur Erzwingung von „Nachhaltigkeit“ könnte also bis zum bitteren Ende getrieben werden.

          All dies ließe sich vermeiden, wenn statt CO2-Grenzwerten für die Produktion und ESG-Steuerung von Anlageentscheidungen der Ausstoß von CO2 mit einem für alle gleichen Preis belegt würde. Schwarz und Grün hätten dann wieder die gleichen Wettbewerbsbedingungen, und Grün-Land könnte im Handel mit Schwarz-Land unterschiedliche CO2- Preise mit einer Abgabe ausgleichen. Die von der EU-Kommission geplante ESG-Richtlinie wäre unnötig, da das Ziel „E“ effizient erreicht würde und da die Verfolgung der Ziele „S“ und „G“ für jeden intelligenten Investor ohnehin selbstverständlich sind.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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