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Mayers Weltwirtschaft : Weltbürger gegen Provinzler

  • -Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Die Welt ist tief gespalten. Das ist schlecht für Geld, Freiheit und Wohlstand.

          Der britische Publizist David Goodhart hat eine Spaltung der heutigen Gesellschaft in „Anywheres“ und „Somewheres“ festgestellt. Mit den „Anywheres“ meint er weltweit mobile Leute, die von der Globalisierung profitieren, mit den „Somewheres“ ortsgebundene Leute, die daraus Verluste für sich entstehen sehen. Den Aufstieg populistischer Parteien sieht er als berechtigten Protest der „Somewheres“ gegen die „Anywheres“. Die Diagnose ist auf den ersten Blick plausibel. Als ich jedoch versuchte, mich einer der Gruppen zuzuordnen, fand ich sie schon nicht mehr so überzeugend.

          Eigentlich sollte ich mich zu den „Anywheres“ zählen. Ich bin in meinem Berufsleben achtmal umgezogen, habe siebzehn Jahre in zwei fremden Ländern gelebt, kenne Menschen aus allen Erdteilen und wohne in Deutschland zur Miete, während ich in Italien ein Eigenheim habe. Lange Zeit fühlte ich mich als Weltbürger und fand die „Somewheres“ ziemlich provinziell. Doch der „Davos-Mann“ geht mir auf die Nerven. Ich bin gegen offene Grenzen für alle, gegen die Vergemeinschaftung nationaler Finanzen in der Europäischen Union und ich ärgere mich, wenn mir selbsternannte Weltenretter im Detail vorschreiben wollen, wie ich zu denken und zu leben habe. Ihren Griff nach Macht über mein Denken und Leben – und ihr Griff nach meiner Geldbörse zur Finanzierung ihrer Vorstellungen – finde ich bedrohlich. Aber auf die gleiche Weise bedrohlich finde ich auch den zunehmenden nationalen Sozialismus der früher eher behäbigen Provinzler. Bin ich etwa zum Misanthropen geworden?

          Vom Weltbürger zum Mondialisten

          Eine Erklärung meines Unbehagens fand ich in der jüngsten Ausgabe von Konrad Hummlers „Bergsicht“. Der ehemalige Bankier und Publizist beschreibt dort den Wandel des früheren Typs des liberalen Weltbürgers zum Typ des „Mondialisten“. War der liberale Weltbürger für eine Weltordnung, die selbst keinem Ziel verpflichtet war, sondern Regeln aufstellte, die ihn seine eigenen Ziele verfolgen ließen, so ist der Mondialist nun für eine zielorientierte Weltregierung. „Rule by law“ statt „rule of law“, könnte man sagen. Begünstigt wurde der Aufstieg der Mondialisten von der Finanzkrise und der Furcht vor dem Klimawandel. Denn wenn die Erdenbewohner wegen Überhitzung auszusterben drohen und eine außer Kontrolle geratene globale Finanzindustrie ihnen vorher noch das letzte Hemd auszieht, dann ist eine entschlossene Weltregierung notwendig, um diese eindeutige und unmittelbare Gefahr zu bannen.

          Weil sie fürchteten, bei der Weltrettung zu kurz zu kommen, legten die Provinzler ihre frühere Behäbigkeit ab und wurden zu nationalen Sozialisten. „Wir zuerst“ lautet ihr Schlachtruf gegen die Mondialisten. Die nationalen Sozialisten sind im Aufwind. In China und Russland, wo das sozialistische Erbe noch nachwirkt, verfolgen starke Männer nationale geopolitische Ziele. Der eine will den Aufstieg seines Landes zur Weltmacht befördern, der andere bekämpft den Abstieg. Volkstribun Trump sucht nach „Deals“ zum Wohle seiner Anhänger, während in Ost- und Südeuropa starke Männer sich dem Mondialismus Brüsseler Prägung widersetzen. Der „Davos-Mann“ hisst die weiße Fahne. Nur in Frankreich und Deutschland versuchen die Mondialisten um Emmanuel Macron und Angela Merkel die Stellung zu halten. Aber ihre Tage scheinen gezählt.

          Der Liberalismus bleibt auf der Strecke

          Im Kampf der nationalen Sozialisten gegen die Mondialisten bleibt der Liberalismus auf der Strecke. Denn wenn zur Weltrettung die Not kein Gebot mehr kennen darf und im nationalen Sozialismus der Volkswille herrscht, löst sich die Ordnung der Freiheit auf. Dem Einzelnen bleibt dann nur noch die Wahl, sich den Zielen der Mondialisten oder dem Volkswillen der nationalen Sozialisten zu unterwerfen. Weder das eine noch das andere finde ich akzeptabel. Wenn ich mich sowohl über die eine als auch die andere Gruppe ärgere, so hat das mit Misanthropie nichts zu tun. Es ist vielmehr Ärger über die Missachtung der Prinzipien der freiheitlichen Ordnung von beiden.

          Zurück zu Goodhart: Die Aufteilung in „Somewheres“ und „Anywheres“ vernebelt den Blick. Die Spaltung der Gesellschaft verläuft nicht zwischen weltoffenen Globalisierungsgewinnern und provinziellen Verlierern. Vielmehr stehen sich mondialistische Weltverbesserer und nationale Sozialisten gegenüber. Die Ordnung der Freiheit und die individuelle Freiheit selbst kommen bei beiden unter die Räder. Die Konsequenzen sind nicht nur intellektuelle Verödung, sondern auch materielle Verarmung. Denn die Ordnung der Freiheit hat nicht nur unseren geistigen Horizont erweitert, sondern sie hat uns auch vorher noch nie dagewesenen Wohlstand gebracht.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der

          Universität Witten/Herdecke.

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