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Mayers Weltwirtschaft : Facebooks neue Weltwährung

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Der Internetkonzern Facebook entwickelt sein eigenes Geld. Das könnte das Finanzsystem fundamental verändern.

          Es ist ein offenes Geheimnis, dass Facebook an einer eigenen Kryptowährung arbeitet. Nun sind einige Details durchgesickert. Die Währung – nennen wir sie FB-Coin – soll an den Dollar gebunden sein. Sie soll nicht ausschließlich Zahlungen zwischen Facebook-Nutzern ermöglichen, sondern offen für alle sein. Wenn die staatlichen Regulierer dem Projekt keinen Strich durch die Rechnung machen, könnte mit einer Kryptowährung wie dieser die Revolutionierung unseres Geldwesens beginnen.

          Kryptowährungen werden mit „Distributed Ledger Technology“ übertragen, zu denen die Blockchain-Technologie gehört. In der Blockchain werden Übertragungen wie in einem öffentlich einsehbaren Grundbuch registriert, wobei die Rechtmäßigkeit der Transaktion von jedem überprüft werden kann, der sich für ein Entgelt die Mühe macht. Darauf – und nicht auf zentrale Prüfung – stützt sich ihre Gültigkeit. Folglich kommen Eigentumsübertragungen mit Blockchain ohne eine zentrale Schiedsinstanz aus. Sie können zwischen den Parteien direkt („peer-to-peer“) abgewickelt werden. Zahlt man mit einer Kryptowährung, braucht man keine Bank, denn der Vorgang ist so, als ob man jemandem einen virtuellen Geldschein aushändigen würde. Das kann erheblich billiger sein als herkömmliche Zahlungsweisen.

          Vorreiter Bitcoin

          Bitcoin gehört zur ersten Generation der Kryptowährungen und wird heute als „Zahlungs-Token“ bezeichnet. Die Kaufkraft hängt allein von den Erwartungen der Erwerber ab, dafür andere Dinge eintauschen zu können. Da die Kaufkrafterwartungen sehr unterschiedlich sind und stark schwanken, ist auch der Preis von Bitcoin in herkömmlichen Währungen höchst instabil. Inzwischen gibt es nun aber andere digitale Währungen (oder Token), die mit Ansprüchen verbunden sind. Ein sogenannter Anlage-Token kann den Anspruch auf Vermögenswerte (von Gold bis Aktien) beinhalten. Mit diesen Token sind sogenannte „Smart Contracts“ verbunden, in denen die Ansprüche definiert werden. Der Erwerber kann seine Kaufkraft anhand des Werts der mit dem Token verbundenen Ansprüche besser abschätzen, als dies mit reinen Zahlungs-Token möglich wäre.

          FB-Coin definiert nun den Anspruch auf einen Dollar. Der Nutzer kann damit folglich Dollar mittels der Blockchain an andere Nutzer überweisen. Facebook schätzt, dass jeden Monat 2,7 Milliarden Menschen Facebook, Whatsapp, Instagram oder Messenger nutzen. Nicht alle Nutzer werden FB-Coin als Zahlungsmittel nutzen wollen. Doch wenn sich nur ein Viertel von ihnen für FB-Coin erwärmen würde, hätte diese Kryptowährung mehr Nutzer, als die Vereinigten Staaaten und der Euroraum zusammen an Einwohnern haben. Facebook kann nur in einigen wenigen Ländern der Welt (darunter China) nicht genutzt werden. Folglich hätten die meisten Menschen der Welt Zugang zu FB-Coin. Da die Marke stark, die Kaufkraft bekannt und die Zahlungen billig wären, hätte FB-Coin das Zeug zu einer Weltwährung. Facebook bekäme einen Finanzdatenschatz, und der Einfluss der Vereinigten Staaten auf das globale Geld- und Finanzsystem würde noch stärker.

          Amerikas Vorherrschaft würde verstärkt

          Würde FB-Coin zu einem beliebten Zahlungsmittel, würden viele Anbieter ihre Preise in FB-Coin auszeichnen, um sich einen globalen Markt zu erschließen. Käufer in Amerika könnten ihr Bankengeld zum Erwerb von FB-Coins einfach auf Facebook übertragen. Käufer außerhalb Amerikas müssten FB-Coins mit ihren nationalen Währungen kaufen, und Facebook müsste mit diesen Währungen zur Deckung der Coins dann Dollar erwerben. Die Devisenreserven der amerikanischen Notenbank würden anschwellen und die Geldmenge steigen. Doch solange die FB-Coins außerhalb der Vereinigten Staaten zirkulieren, würde die Inflation in Amerika davon unberührt bleiben. Je populärer die FB-Coins auf der Welt würden, desto stärker würde der Druck auf nationalstaatliche Zentralbanken werden, den Kurs ihrer Währungen zu FB-Coin und damit zum Dollar stabil zu halten. Die Funktion der amerikanischen Notenbank als Weltzentralbank würde noch wichtiger.

          Würde Facebook damit zum globalen Coin-Monopolisten? Wohl kaum. Denn andere große Plattform- und Technologiefirmen aus Amerika, von Amazon bis Paypal, würden wohl eigene Coins herausgeben, um ihre Nutzer an sich zu binden (und an deren Daten zu kommen). Wären diese auch an den Dollar gekoppelt, würde die Finanzmacht der amerikanischen Notenbank gewaltig. Vermutlich hätten nur chinesische Plattformunternehmen wie Alibaba oder Tencent dem etwas entgegenzusetzen. Würden sie ihre Coins an einen frei konvertierbaren Renminbi binden, könnte dieser die Weltwährung Dollar herausfordern.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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