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Mayers Weltwirtschaft : Die Japanisierung Europas

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Nullzins und schwaches Wachstum: Was Japan schon lange kennt, erlebt jetzt auch Europa. Das verheißt nichts Gutes.

          Nachdem nun die amerikanische Notenbank Fed weitere Zinserhöhungen abgeblasen und die Europäische Zentralbank (EZB) den Negativzins am Geldmarkt auf unabsehbare Zeit festgeschrieben hat, ist viel von der „Japanisierung“ der Eurozone die Rede. Gemeint ist damit ein über fast alle Laufzeiten geltender Minizins, eine beharrlich unter dem Ziel der Zentralbanken liegende Inflationsrate und ein trotz Vollbeschäftigung blutarmes Wachstum der Wirtschaft. Wie aber kommen „japanische Verhältnisse“ zu Stande?

          Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick zurück in das Japan der 1980er Jahre nötig. Im sogenannten Plaza-Abkommen einigte sich die Gruppe der fünf größten Industrieländer im September 1985, eine Abwertung des Dollar gegenüber der D-Mark und dem japanischen Yen herbeizuführen. Die Fed senkte die Zinsen und der Wechselkurs des Dollar fiel. Doch die Aufwertung des Yen ging der Bank von Japan zu schnell. Sie stemmte sich daher mit eigenen Zinssenkungen dagegen. Im Februar 1987 versuchten die Staaten den Sinkflug des Dollars im sogenannten Louvre-Accord zu beenden. Zu diesem Zweck erhöhte die Fed die Zinsen. Doch der Aktienmarktkrach im Oktober 1987 veranlasste alle Zentralbanken, die Zinsen erneut zu senken. So kam es, dass der japanische Leitzins von 9 Prozent Anfang der 1980er Jahr auf 2,5 Prozent gegen Ende des Jahrzehnts fiel. Mit der Zinssenkung einher ging ein beispielloser Anstieg der japanischen Aktien- und Immobilienpreise.

          Der Teufelskreis beginnt

          Als die Bank von Japan gegen Ende der 1980er Jahre dann die Zinsen anhob, um die Vermögenspreisinflation zu beenden, platzte die Blase. Um Bankenzusammenbrüche und eine Depression der Wirtschaft zu vermeiden, senkte die Bank von Japan erneut die Zinsen und der Staat stützte die Banken. Dies hatte den gewünschten Erfolg, hielt aber auch zahlungsunfähige Unternehmen am Leben und verhinderte die Abschreibung fauler Kredite.

          Ein Teufelskreis begann: Schwache Unternehmen und Banken banden Ressourcen, höher rentierliche Projekte blieben dadurch auf der Strecke, das Wirtschaftswachstum schwand dahin und die Inflation ging zurück, weil sich Unternehmen und Arbeitnehmer aus Angst vor Absatz- und Arbeitsplatzverlusten nicht mehr trauten, Preise und Löhne zu erhöhen. Zwei Jahrzehnte später holten die westlichen Industrieländer mit dem Immobilienboom 2003 bis 2007 und der Finanzkrise 2007/2008 die japanische Entwicklung nach. Ebenso wenig wie Japan gelingt es nun ihnen, sich aus dem Teufelskreis niedrigen Wachstums, noch niedrigerer Zinsen und niedriger Inflation zu befreien.

          Ein Zins oberhalb des Wachstums der Wirtschaft sorgt dafür, dass die Rentabilität von Investitionen vornehmlich durch eine produktive Verwendung der Investitionsmittel erreicht wird. Wenn aber der Zins wie heute unter dem Wachstum liegt, kann die Rentabilität nahezu beliebig über die Hebelwirkung der Fremdverschuldung gesteigert werden. Statt realwirtschaftlich produktive werden schuldenfinanzierte Finanzinvestitionen unternommen. Fremdfinanzierte Immobilienkäufe und schuldenfinanzierte Aktienrückkäufe erscheinen attraktiver als Investitionen zur Erweiterung des Kapitalstocks oder zur Steigerung der Produktivität. Der Finanzsektor bläht sich auf, während die Produktion von Gütern und nicht-finanziellen Dienstleistungen dahin dümpelt. Die Einkommens- und Vermögensverteilung verschiebt sich von den im nicht-finanziellen Sektor beschäftigten Lohnempfängern mit Geldersparnissen zu den Akteuren im Finanzsektor und Besitzern von Vermögenswerten. Es kommt zur sogenannten „Finanzialisierung“ der Wirtschaft.

          Die „finanzialisierte“ Wirtschaft

          Diese finanzialisierte Wirtschaft hängt am Tropf der Zentralbanken, die für niedrige Zinsen sorgen können, da blutleeres Wachstum die Güterpreisinflation erstickt. Doch obwohl es so scheint, ist Finanzialisierung kein Perpetuum Mobile für die grenzenlose Bereicherung der Besitzer von Vermögenswerten. Denn die besitzlosen Lohnempfänger, die von der Finanzialisierung nicht profitieren, wehren sich. Sie wollen Schutz durch Handelsprotektionismus und die Rückkehr zur sozialistisch-nationalen Staatswirtschaft. Deswegen wählen sie Donald Trump, den Brexit und stimmen in Berlin für die Enteignung großer Wohnungsbesitzer. Aber höhere Zölle, Steuern und Sozialabgaben bringen die hoch verschuldete Wirtschaft in Zahlungsschwierigkeiten. Und durch Enteignung und Verstaatlichung werden neue Investitionen verhindert. Die Finanzialisierung schafft sich ihre eigenen Totengräber. Aber diese beerdigen nicht nur die finanzialisierte Wirtschaft, sondern mit ihr gleich die freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

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