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Mayers Weltwirtschaft : Aktien statt Sozialismus

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Das sozialistische Wirtschaftsmodell ist wieder hoffähig geworden. Aber Wohlstand wird anders geschaffen. Zum Beispiel mit einem Bürgerfonds.

          3 Min.

          Vor dreißig Jahren ging der real existierende Sozialismus unter. Das liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell schien endgültig über seinen Widersacher gesiegt zu haben, und der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama rief das Ende der Geschichte aus. Damals hätte es niemand für möglich gehalten, dass dem Sozialismus ein Comeback gelingt. Heute ist das vor drei Jahrzehnten scheinbar Unmögliche Wirklichkeit geworden. In den Vereinigten Staaten werben Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders generationenübergreifend für das sozialistische Wirtschaftsmodell, in Großbritannien wird der Alt-Sozialist Jeremy Corbyn möglicherweise zum nächsten Premierminister gewählt, und in Deutschland fabuliert SPD-Jungstar Kevin Kühnert über die Vergesellschaftung von Unternehmen. Grünenpolitiker wie Robert Habeck huldigen dem Berliner Volksgefühl und wollen Immobiliengesellschaften und Grundstücksbesitzer enteignen. In unserer übersatten und geschichtsvergessenen Welt ist der Sozialismus auf einmal wieder hoffähig. Weil viele Menschen vergessen haben, wie unser Wohlstand geschaffen wird, gelingt es den Retrosozialisten, Neidgefühle gegen die sich aus einer freien Marktwirtschaft ergebenden Verteilung von Einkommen und Vermögen zu mobilisieren.

          Schon Ludwig Erhard wollte Volksaktien

          Aus liberalen Kreisen höre ich, dass dem Liberalismus ein packendes „Narrativ“ fehle. Man müsse Emotionen schüren, wie es die Retrosozialisten gerade vormachen. Aber kollektiver Gefühlstaumel ist das Verführungsmittel der Sozialisten und widerspricht der Natur der Ordnung der Freiheit für den Einzelnen. Wenn die anfängliche Hochstimmung verflogen ist und die desaströsen wirtschaftlichen Folgen sichtbar werden, braucht der Sozialismus den Totalitarismus zum Überleben. Dagegen bezieht die liberale Gesellschaftsordnung ihre Legitimität aus wirtschaftlichem Erfolg, an dem alle teilhaben können. Für Ludwig Erhard, den Vater der Sozialen Marktwirtschaft, war Wettbewerb das Mittel dazu: „Wohlstand für alle und Wohlstand durch Wettbewerb gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt.“ Aber Erhard sah auch, dass das Schüren von Neidgefühlen die Marktwirtschaft aushebeln konnte. Er wollte daher mit „Volksaktien“, durch die alle Bürger am Produktivvermögen beteiligt würden, den „Volkskapitalismus“ als Gegenstück zum Sozialismus schaffen.

          Leider erwies sich das Konzept der Volksaktie als ungeeignet. Von der Volkswagen- bis zur Telekom-Aktie machten die Bürger schlechte Erfahrungen, und der „Volkskapitalismus“ blieb ein fernes Ziel. Vielleicht werden heute auch deshalb über unser staatliches Steuer- und Transfersystem Einkommen in einem Maße umverteilt, das weit über die Vorstellungen Erhards hinausgeht. Doch der Angriff der Retrosozialisten auf die Soziale Marktwirtschaft sollte Anlass sein, über Erhards Ziel der Schaffung einer Eigentümergesellschaft erneut nachzudenken. Die Volksaktie war dafür das falsche Instrument, weil sie keine Risikominderung durch Portfoliodiversifikation erlaubte. „Volksfonds“ wären dafür besser geeignet. Doch auch dieses Instrument steht vor einem schier unüberwindlichen Hindernis: Dem mangelnden Finanzwissen und dem daher großen Misstrauen der Bürger gegenüber Aktienanlagen. Staatliche Hilfe zur Überwindung dieses Hindernisses sollte auch für Liberale kein Tabu sein.

          Volksfonds statt Volksaktie

          Der Unternehmer Lutz Helmig hat das Konzept eines deutschen Bürgerfonds entwickelt, und das Ifo-Institut hat dazu jüngst Berechnungen vorgelegt. Die Idee besteht darin, dass der deutsche Staat sein exorbitantes Privileg nutzt, das er sich als solider Emittent einer am Markt gefragten sicheren Anlage erworben hat. Durch die Emission von Bundesanleihen zu sehr niedrigen Zinsen kann er den Aufbau eines höher rentierlichen globalen Aktienportfolios für seine Bürger finanzieren. Die Berechnungen von Ifo zeigen, dass auf diese Weise für jeden Bürger im Verlauf seines Erwerbslebens ein Aktienvermögen in Höhe von 16000 bis 30000 Euro ohne eigene Ersparnis aufgebaut werden könnte. Ergänzend dazu schlägt Helmig einen Fonds speziell für junge Leute vor, der dadurch finanziert werden könnte, dass Überschüsse im Haushalt des Bundes zum Aufbau eines Aktienfonds statt zur Schuldentilgung verwendet werden.

          Erhard wollte keinen staatlichen Zwang zur Eigentumsbildung. Ihm kam es auf einen Wandel der Mentalität an. Ein Bürgerfonds, der seine Teilhaber auf den Geschmack an Eigentum bringt, könnte diesen Mentalitätswandel zur Eigentümergesellschaft anstoßen. Dies wäre die überzeugendste Antwort auf die Sirenengesänge der Retrosozialisten.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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