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Mayers Weltwirtschaft : Negativzinsen sind gefährlich

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Wir leben in einer verkehrten Welt: In Zeiten negativer Zinsen lohnt sich das Sparen nicht mehr. Es wird attraktiv, sich zu verschulden.

          Nachdem ich in der ersten Klasse Volksschule die Grundrechenarten gelernt hatte, gab mir mein Vater zur Versetzung in die zweite Klasse eine Mark und führte mich damit in die Zinsrechnung ein: „Wenn Du diese Mark bei Christi Geburt auf Dein Sparbuch eingezahlt und die Zinsen immer wieder angelegt hättest, wärst Du heute Millionär.“ Wenn ich heute meinen Enkeln die Zinsrechnung nahebringen wollte, wäre die Botschaft eine andere: „Wenn Ihr bei Christi Geburt einen Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angelegt hättet, wäre heute kein Cent mehr übrig.“ Dagegen hätte es sich gelohnt, diesen Euro zum EZB-Zins zu leihen, denn die Schuld wäre heute weg.

          Mein Vater lebte in einer Welt, in der sich Sparen rentierte, weil sich Investieren rentierte. Ich lebe in einer verkehrten Welt, in der sich Verschuldung lohnen, aber kein vernünftiger Mensch dem Schuldner Geld leihen würde. Diese Welt kann es nur geben, weil die Zentralbanken die Rolle der Geldverleiher übernommen haben. Sie können es sich leisten, als Gläubiger Geld zu verlieren, denn sie können das verliehene Geld aus dem Nichts erneut erzeugen.

          Halten von Anleihen bis zur Endfälligkeit funktioniert nicht mehr

          Wie die verkehrte Welt der Negativzinsen das Verhalten der Anleger ändert erfährt man, wenn man mit Managern von Anleiheportfolios spricht. Bei Negativzinsen ist eine Anleihe als langfristige Anlage wertlos, denn die klassische Strategie des Kaufens und Haltens bis zur Endfälligkeit bringt nur Verluste ein. Wer mit Anleihen im Umfeld negativer Zinsen Rendite erwirtschaften will, muss mit ihnen handeln. Gelang es einem Händler zum Beispiel, eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Restlaufzeit bei einer Rendite von minus 0,2 Prozent Ende Mai zu kaufen und die Anleihe Anfang Juli wieder zu verkaufen, nachdem die Rendite auf minus 0,4 Prozent gefallen war, dann konnte er einen Gewinn in Höhe von rund zwei Prozent seines Einsatzes einstreichen.

          Der Grund dafür ist, dass der Preis der Anleihe steigt, wenn die Rendite fällt. Die Hebelwirkung (Duration genannt) ist umso größer, je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon einer Anleihe ist. Dadurch können sehr lang laufende Anleihen in der Negativzinswelt zu brisanten Spekulationsobjekten werden. Im März gab das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren heraus. Da die anfängliche Rendite durch den allgemeinen Zinsverfall seither um 0,6 Prozentpunkte gedrückt wurde, stieg der Preis dieser Anleihe um 30 Prozent. Solange die Zinsen immer tiefer in den negativen Bereich fallen, können Anleihehändler beachtliche Gewinne erzielen. Drehen die Zinsen nach oben, kommt es zu einem Blutbad am Anleihemarkt, das nur die besten Händler überleben werden.

          Die verkehrte Welt der Negativzinsen ist zu den Anlegern an den Aktienmärkten noch nicht ganz vorgedrungen. Gegenwärtig liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf den Aktienmärken Amerikas, Chinas, der Eurozone, Japans und Großbritanniens im Durchschnitt bei 18. Die Gewinnrendite (der Kehrwert des KGV) liegt folglich bei 5,6 Prozent. Angesichts des Umstands, dass heute Anleihen im Volumen von 13 Billionen Euro weltweit zu negativen Zinsen gehandelt werden, ist dies eine sehr hohe Rendite. Erfasst die Welt der Negativzinsen schließlich auch die Aktienmärkte, steigen die Preise in die Stratosphäre. Wie Anleihen besitzen dann auch die Aktien keinen Anlagewert mehr und Rendite ließe sich ebenfalls nur noch durch kurzfristige Spekulationsgeschäfte erzielen.

          Noch weniger ist die Welt der Negativzinsen bis zu den Unternehmen selbst vorgedrungen. Ein wichtiges Maß zur Bestimmung der Rentabilität von Unternehmensinvestitionen ist der gewichtete Durchschnitt der Kosten von Eigen- und Fremdkapital. Mein Kollege Kai Lehmann hat herausgefunden, dass die Unternehmen heute noch immer mit Werten rechnen, die dem Niveau von 2005 entsprechen, obwohl die Kosten für Fremdkapital seither dramatisch gefallen sind. Vermutlich halten die Investitionsrechner in den Unternehmen die Welt der Negativzinsen für eine irreale und daher vorübergehende Erscheinung. Würden sie diese ernst nehmen, stünden sie vor dem Problem, dass sie Investitionsvorhaben gegen den gesunden Menschenverstand auswählen müssten: Projekte mit den am weitesten in der Zukunft liegenden Erträgen erschienen am rentierlichsten, während viele andere, die schon in der nahen Zukunft Erträge abwerfen würden, unrentabel wären.

          Albert Einstein wird das Bonmot zugeschrieben, dass der Zinseszins die größte mathematische Erfindung des menschlichen Geistes war. Die Zentralbanken haben diese Erfindung mit der Erschaffung der Negativzinsen wieder einkassiert.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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