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Mayers Weltwirtschaft : Die EZB auf Sinnsuche

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Notenbank sitzt einer Illusion auf: Die Kaufkraft des Geldes lässt sich nicht objektiv messen und ein Inflationsziel nicht erzwingen.

          3 Min.

          Während der Amtszeit von Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) betrug die harmonisierte Inflationsrate im Euroraum durchschnittlich 1,19 Prozent. Ihr Ziel, diese Inflationsrate „unter, aber nahe bei 2 Prozent“ zu halten, hat die EZB verfehlt. Mit dem Wechsel zu Christine Lagarde hat die Diskussion darüber begonnen, ob man das Inflationsziel ändern sollte. Acht ehemalige Mitglieder der Räte von EZB und nationalen Notenbanken sprachen sich gegen ein symmetrisches Punktziel aus, und Klaas Knot, der Präsident der niederländischen Zentralbank, schlug einen Zielkorridor vor.

          Andere Stimmen meinen, die EZB solle sich ein Ziel für den Preisindex statt für die Inflationsrate geben, so dass Phasen niedriger Inflation durch anschließend höhere Inflation ausgeglichen werden könnten. Und wieder andere wollen, dass in dem Ziel auch Preise für Vermögenswerte wie Immobilien berücksichtigt werden. Was jedoch kaum jemand ausspricht, ist, dass „Preisstabilität“ nicht objektiv gemessen werden kann und die Geldpolitik nicht in der Lage ist, die Wirtschaft so zu steuern, dass ein angepeilter Wert für einen wie auch immer definierten Preisindex erreicht wird.

          Für jeden Menschen ist die Kaufkraft des Geldes anders

          Preise verändern sich fortlaufend, so dass „Preisstabilität“ höchstens die Stabilität oder den kontrollierten Anstieg des „Preisniveaus“ bedeuten kann. Das „Preisniveau“ ist aber nichts anderes als die Kaufkraft des Geldes, also der Wechselkurs von Geld gegenüber käuflichen Dingen. Für jeden Menschen sieht die Kaufkraft des Geldes anders aus, denn jeder stellt sich Käufe entsprechend seiner eigenen Präferenzen zusammen. Ein Vegetarier ist zum Beispiel ebenso wenig vom Anstieg der Fleischpreise betroffen wie ein Nichtraucher vom Anstieg der Tabakpreise. Damit sie aber das „Preisniveau“ berechnen können, konstruieren die Statistiker einen Durchschnittsmenschen, der einen einheitlichen Warenkorb aus einer von ihnen bestimmten Grundgesamtheit an Gütern kauft.

          So verwendet zum Beispiel der Euroraum-Durchschnittsmensch jeden Monat 19,8 Prozent seiner Käufe auf Unterkunft, 5,2 Prozent auf Bier, 4,4 Prozent auf Bücher, 10,0 Prozent auf Altersheime und 2,7 Prozent auf Beerdigungskosten. Allein diese willkürliche Aufzählung zeigt, dass kaum ein lebender Mensch diesem statistischen Kunstmenschen entspricht. Der wirkliche Mensch wird vielleicht nur ein oder ein paar Mal mit dem Kauf einer eigenen Unterkunft oder den Leistungen eines Bestattungsunternehmens konfrontiert. Ein Index, der jeden Monat Beerdigungspreise, aber niemals Immobilienpreise berücksichtigt, misst nicht seine Kaufkraft des Geldes.

          Die alten Regeln gelten schon seit 10 Jahren nicht mehr

          Ebenso wie die Vorstellung, dass die Kaufkraft des Geldes objektiv gemessen werden kann, ist es eine Illusion, zu meinen, eine Zentralbank könnte ein bestimmtes, wie auch immer definiertes Inflationsziel erzwingen. Dazu wäre es nötig, dass die Zentralbank die Funktionsweise der Wirtschaft so präzise kennt, dass sie genau berechnen kann, mit welchem Niveau ihres Leitzinses sie das Inflationsziel treffen kann. Das ist aber nicht der Fall. Die Wirtschaft ist ein komplexes System, in dem sich die Wirkungszusammenhänge nicht exakt berechnen lassen. So bereitet der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote, Lohnwachstum und Preisinflation – die sogenannte Phillips-Kurve, mit der die Inflation gesteuert werden soll – den Zentralbanken großes Kopfzerbrechen. Die früher gültige Regel, dass niedrige Arbeitslosigkeit mit hohem Lohnwachstum und Güterpreisinflation verbunden sein soll, ist nun schon an die zehn Jahre außer Kraft. Ob sie wieder zum Leben erwacht, ist offen.

          Auf jeden Fall ist sie aber nicht zuverlässig genug, damit die Zentralbank sich auf sie als Werkzeug zur Steuerung der Güterpreisinflation verlassen könnte. Und auch wenn sie wieder aus dem Dornröschenschlaf erwachen würde und die Zentralbank mit ihr die Preise auf den von ihr angepeilten Indexwert bringen könnte, wäre damit noch immer nicht die Kaufkraft des Geldes für in der Wirklichkeit lebende Menschen gesichert.

          Bevor die EZB die Diskussion um eine neue Interpretation ihrer Verpflichtung auf Preisstabilität beginnt, sollte sie sich daher zuerst über die Grenzen ihres Wissens klarwerden. Nimmt man diese ernst, kann man die Zielgröße nur an den Beginn statt an das Ende nicht quantifizierbarer wirtschaftlicher Wirkungsketten legen. Eine neue Interpretation in diesem Sinne wäre die Rückkehr zu einem Geldmengenziel. Aber das wäre nur umsetzbar, wenn Geld nicht mehr durch Kreditvergabe der Banken erzeugt würde. Wie Bankengeld durch digitales Zentralbankgeld ersetzt werden könnte, habe ich in früheren Kolumnen erklärt.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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