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Mayers Weltwirtschaft : Mein letztes Fest mit Mario Draghi

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

EZB-Präsident Mario Draghi wird 2019 aufhören. Unser Kolumnist zieht schon mal Bilanz.

          4 Min.

          Keine Angst, ich werde nicht mit Herrn Draghi unter dem Weihnachtsbaum sitzen. Zwar arbeitete ich vor vielen Jahren einmal wie er für Goldman Sachs, wo ich ihn als sympathischen Menschen kennengelernt habe, aber unsere Wege trennten sich bald wieder. Dennoch habe ich Herrn Draghis Wirken auch aus größerer Distanz weiterverfolgt – nicht aus persönlicher Neugier, sondern aus beruflichen Gründen. Vermutlich werde ich über die Feiertage nicht pausenlos an ihn denken, aber er wird im Hintergrund dabei sein, denn er wird im neuen Jahr noch einige Zeit wirken. Nächstes Weihnachten wird dies nicht mehr so sein, denn dann wird es einen anderen Präsidenten der Europäischen Zentralbank geben. Irgendwie ist es also doch mein letztes Weihnachten mit Mario Draghi. Grund genug, eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

          Ich denke, Mario Draghi wird als der bedeutendste Präsident in die Geschichte der EZB eingehen. Das hört sich kühn an, doch ich habe dafür vier, aus meiner Sicht überzeugende Gründe. Erstens hat er mit drei Worten – „whatever it takes“ – im Sommer 2012 den Euro vor dem Zerfall gerettet. Nach dem Schuldenschnitt für Griechenland im März 2012 fürchteten die Märkte weitere Verluste und drohten insbesondere Italien die Refinanzierung auslaufender Schulden zu verweigern. Bis zum 25. Juli stieg der Zins auf zehnjährige italienische Staatsanleihen von weniger als 5 Prozent auf 6,5 Prozent. Am Tag darauf gab Herr Draghi das Versprechen, zu tun, was immer auch notwendig sei, um den Euro zu erhalten. Am 27. Juli fiel der Zins auf unter 6 Prozent, ein Jahr später betrug er weniger als 4,5 Prozent. Mario Draghis Versprechen war mächtiger als das später folgende EZB-Programm für die monetäre Finanzierung von Staatsschulden („Outright Monetary Transactions“), das bisher nicht zum Einsatz gekommen ist.

          EZB erweiterte ihren Instrumentenkasten dramatisch

          Zweitens hat die EZB unter Herrn Draghi ihren geldpolitischen Instrumentenkasten dramatisch erweitert. Kurz nach seinem Amtsantritt brachte die EZB mehrjährige Kredite an die Banken („VLTRO“) auf den Weg, die später um an die Kreditvergabe der Banken gekoppelte mehrjährige Zentralbankkredite („TLTRO“) erweitert wurden. Im Juni 2014 senkte sie den Einlagezins für Banken unter die Nulllinie. Und im März 2015 startete die EZB schließlich ein Kaufprogramm von Staats- und Unternehmensanleihen, das ihre Bilanz auf mehr als 4,5 Billionen Euro ausweitete. Wer bei Herrn Draghis Amtsantritt vorausgesagt hätte, dass die EZB mit gigantischen Kaufprogrammen von öffentlichen und privaten Anleihen und der Flutung der Banken mit Zentralbankgeld ihre Bilanzsumme noch einmal verdoppeln würde, wäre ausgelacht worden. Wer gesagt hätte, dass dazu noch die Zinsen unter die Nulllinie gedrückt würden, hätte als Phantast gegolten.

          Drittens hat Herr Draghi die geldpolitische Strategie der EZB auf die Verfolgung eines spezifischen Inflationsziels ausgerichtet. War anfangs die Änderungsrate des Konsumentenpreisindex als ein Maß betrachtet worden, um die Erreichung des in den EZB-Statuten niedergelegten eigentlichen Ziels der „Preisstabilität“ abschätzen zu können, wurde während der Amtszeit von Herrn Draghi die Rate der Konsumentenpreisinflation von unter, aber nahe bei zwei Prozent mit „Preisstabilität“ gleichgesetzt. Nun galt es, zu tun, „whatever it takes“, um dieses Ziel zu erreichen. Allerdings war der Erzwingung dieser Inflationsrate weniger unmittelbarer Erfolg beschieden als 2012 der Rettung des Euros – was die EZB unter Herrn Draghi zu ihrer experimentellen Politik der Negativzinsen und Bilanzausweitung veranlasste.

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