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Max Weber ist wieder da : Sex, Religion und Wachstum

„Die Fesseln des Gewinnstrebens“

Die Antwort fand er im Protestantismus und besonders im puritanisch gesprägten Calvinismus der Briten und Amerikaner. Die erschienen Weber als die härtesten „Arbeitsvölker“, im Gegensatz etwa zu den Deutschen und ihrer bierseligen Gemütlichkeit. Hatte nicht der französische Philosoph Montesquieu schon lange vor Weber geschrieben, die Engländer „hätten es in drei Dingen am weitesten gebracht: in der Frömmigkeit, dem Handel und der Freiheit“?

Doch wie entsteht aus dem spaßverachtenden puritanischen Calvinismus die bunte Welt des dynamischen Kapitalismus? Durch innerweltliche Askese, meint Weber scheinbar paradox. Schließlich lebe der Mensch im Calvinismus asketisch, um den Ruhm Gottes durch Vollstreckung seiner Gebote zu mehren. Auch Berufsarbeit ist aber ein Ausdruck asketischen Lebens und damit ein Werk zum Ruhme Gottes. Weber faßt zusammen: „Die innerweltliche protestantische Askese wirkte also mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuß des Besitzes, sie schnürte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen entlastete sie im psychologischen Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengt die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern direkt als gottgewollt ansah.“

„Der Gehalt an Religion hat abgenommen“

Weiter heißt es: „Und halten wir nun noch jene Einschnürung der Konsumtion mit dieser Entfesselung des Erwerbsstrebens zusammen, so ist das äußere Ergebnis naheliegend: Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang.“

Freilich, einmal in Fahrt, wendet sich der Kapitalismus gegen seine religiösen Wurzeln, die er ohnehin nicht mehr benötigt. Weber zitiert den Theologen John Wesley: „Ich fürchte: wo immer sich der Reichtum vermehrt hat, da hat der Gehalt an Religion in gleichem Maße abgenommen. Daher sehe ich nicht, wie es, nach der Natur der Dinge, möglich sein soll, daß irgendeine Wiederentdeckung echter Religiosität lange Dauer haben kann. Denn Religion muß notwendig sowohl Arbeitsamkeit als Sparsamkeit erzeugen, und diese können nichts anderes als Reichtum hervorbringen. Aber wenn Reichtum zunimmt, so nimmt Stolz, Leidenschaft und Weltliebe in all ihren Formen zu.“

„Puritaner von strenger Unerbittlichkeit“

Die „Protestantische Ethik“ stieß auf Zustimmung wie auf Kritik. Der verbreitetste Einwand lautet, Weber habe die Bedeutung der Religion für die Entwicklung des Kapitalismus überschätzt und Einflüsse wie die Politik oder die Geographie übersehen.

Doch der Vorwurf trifft Weber nur halb, denn er hatte die Religion nicht als dominierende Ursache des Kapitalismus bezeichnet, sondern als eine von mehreren. Überdies war sich Weber, den ein Bekannter als „Puritaner von strenger Unerbittlichkeit“ bezeichnet hat und der sich mit Blick auf sein Privatleben wohl nicht zufällig für das Thema Askese interessierte, seiner Grenzen bewußt: „Wissenschaftlich aber überholt zu werden ist nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck.“

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