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Maut : Der große Traum von weniger Staus

Bild: dapd

Die CSU fordert eine Einheits-Vignette für Autobahnen. Doch das Chaos im Berufsverkehr wird sie nicht lösen. Das schafft nur eine Maut, die sich nach Strecke und Tageszeit richtet.

          5 Min.

          So lang wie hier sind die Staus in Deutschland nirgends. Wer mit dem Auto von München nach Salzburg fährt, der steckt im schlimmsten Fall auf 100 Kilometern fest. Streckenweise sieht die Autobahn mit zwei Fahrstreifen je Richtung und ohne Standspur noch so aus wie bei der Eröffnung in den dreißiger Jahren. Den knappen Platz muss sich der bayerische Autofahrer mit Touristen aus Österreich, Italien und Tschechien teilen, die Deutschlands Verkehrswege kostenlos nutzen dürfen - während der Bayer, kaum dass er in Salzburg die Grenze überquert hat, ein kostenpflichtiges „Pickerl“ an die Windschutzscheibe kleben muss.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da wäre es doch praktisch, denkt sich der bayerische Autofahrer, es den Österreichern heimzuzahlen. Müssten sie in Deutschland gleichfalls eine Gebühr entrichten, könnte man die marode Autobahn endlich ausbauen, vielleicht blieben auch ein paar Touristen fern, jedenfalls gäbe es weniger Staus. Den Deutschen könnte man die Kosten der Vignette bei der Kfz-Steuer wieder erlassen. Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ist kein Mann, der Stimmungen in Bayern ignoriert. Erst recht nicht, wenn er um die Mehrheit im Freistaat kämpfen muss wie nie. Seit dem Bundestagswahlkampf 2009 fordert er die Maut, gegen den Widerstand von CDU und FDP. Am Freitag ließ er den CSU-Parteitag einen Leitantrag „für eine faire Straßenfinanzierung“ beschließen. Es sei „ein Gebot der Fairness“, heißt es dort, „dass sich ausländische Autofahrer künftig in Deutschland an den bei uns entstehenden Kosten beteiligen“ - und dass deutsche Autofahrer „an anderer Stelle eine Kompensation erfahren“.

          Wirklich überzeugt hat Seehofer mit diesem Konzept nicht einmal die eigenen Parteifreunde, jedenfalls nicht die CSU-Bundespolitiker in Berlin. Sie blieben lange skeptisch. Wenn einheimische Autofahrer unter dem Strich nichts zahlen sollten, rechneten sie vor, dann sei das ein Minusgeschäft. Am Autoverkehr in Deutschland hätten Ausländer einen Anteil von rund 5 Prozent, nach den Erfahrungen in Österreich müsse man aber mit Verwaltungskosten von mindestens 8 Prozent rechenen. „Es gibt durchaus auch Argumente gegen die Maut“, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) noch vor vier Wochen. Der Ökonom Hans-Werner Sinn verfolgt deshalb ein anderes Maut-Konzept. Spricht er über sein Lieblingsprojekt, erzählt er gerne von zu Hause. Wenn er des morgens vom Wohnort Gauting das Auto Richtung München startet, dauert die Fahrt bis zum Englischen Garten, wo das eigene Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo residiert, eine gute halbe Stunde. Eigentlich. Laut Plan. Doch da lacht der Ökonom nur. Er kennt seine A95.

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