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Autonome Schifffahrt : Fahren die Schiffe bald ohne Steuermann?

  • -Aktualisiert am

Modelle autonomer Schiffe, wie sie das norwegische Startup Massterly in einem Werbefilm präsentiert. Bild: Webseite des Konzerns Kongsberg

Norwegische Unternehmen wollen schon 2020 autonome Schiffe vor den Küsten des Landes kreuzen lassen. Ein ambitioniertes Ziel – das durchaus erreicht werden könnte.

          Die Automobilindustrie ist nicht die einzige Branche, die in Roboterpiloten eine zukunftsträchtige Technologie sieht. Kräftig digitalisiert wird auch in einer weniger prominenten, aber für die Mobilität mindestens genauso wichtigen Branche: der Schifffahrt. Jetzt haben zwei norwegische Konzerne ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das die autonome Schifffahrt vorantreiben will. Massterly nennt sich das Start-Up – es ist das erste Unternehmen weltweit, dass sich auf die Entwicklung der notwendigen Infrastruktur und die Bedienung autonomer Schiffe spezialisiert hat.

          Anfang vergangener Woche hatten die Reederei Wilhelmsen und der Technologiekonzern Kongsberg die Neugründung bekanntgegeben. In einer gemeinsamen Pressemitteilung sagte der CEO von Kongsberg, Geir Håøy: „Wenn autonome Schiffe in naher Zukunft Realität werden, wird Massterly entscheidend bei der Digitalisierung der Infrastruktur und der Steuerung sein.“

          Die Ziele von Massterly sind ambitioniert. Ab August soll das Start-Up betriebsbereit sein und damit beginnen, ein Kontrollzentrum an der Küste aufzubauen. Schon 2019 soll Massterly das erste elektronische, autonome Containerschiff, die Yara Birkeland, übernehmen und betreiben. Das Schiff gehört dem norwegischen Chemiekonzern Yara und wurde von diesem in Kooperation mit Kongsberg entwickelt. Bis 2020 soll die Technik des Schiffs soweit vorangeschritten sein, dass das Schiff autonom fährt.

          Die Norweger sind Pioniere der autonomen Schifffahrt

          Wie ein Sprecher von Massterly FAZ.NET mitteilte, wolle das Start-Up auch eigene autonome Schiffe entwickeln und sich durch deren Betrieb als Logistikdienstleister etablieren. Für den Bau der Schiffe wolle Massterly mit einer Reederei zusammenarbeiten. Die für die autonomen Schiffe verwendete Technik ist vergleichbar mit der, die in den selbstfahrenden Autos steckt. Radar, Lasersensoren und Kameras sollen dafür sorgen, dass das Schiff selbst fahren kann. Der Kurs des Schiffes wird über das Kontrollzentrum überwacht. Im Notfall sollen die dort stationierten Mitarbeiter die Möglichkeit haben, einzugreifen und die Kontrolle zu übernehmen.

          Dass die Norweger die ersten sind, die voraussichtlich ein autonomes Schiff bauen werden, hat einen Grund. Seit einigen Jahren unterstützt der norwegische Staat die Entwicklung autonomer maritimer Systeme. Seit 2013 gibt es etwa das staatlich geförderte „Zentrum für autonome marine Operationen und Systeme“ an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens. Am Zentrum forschen sieben Professoren der wichtigsten technischen Universität des Landes unter anderem zu autonomen Wasserfahrzeugen und Robotern.

          Darüber hinaus haben die norwegischen Behörden in Küstennähe Testgebiete für selbstfahrende Schiffe geschaffen. Auch damit sind die Norweger Pioniere. Heute können Wissenschaft und Wirtschaft drei norwegischen Küstengebieten für Versuche mit autonomen Wasserfahrzeugen nutzen.

          Nicht nur technische Hürden müssen überwunden werden

          Norwegen ist allerdings nicht das einzige Land, dass die Schifffahrt digitalisieren will. Andere Länder wie Finnland und Australien ziehen nach und haben eigene Projekte gestartet. Auch China hat ein eigenes Großprojekt angekündigt. Und auch in der Europäischen Union wurde ein Forschungsprojekt, mitfinanziert von der Europäischen Kommission, zum Thema durchgeführt.

          Für Max Johns, Professor im Fachbereich Maritime & Logistics der Hamburg School of Business Administration, ist die Digitalisierung der Schifffahrt der nächste logische Schritt. Im Gespräch mit FAZ.NET sagte der Experte: „Schon seit 30 Jahren kann man die zunehmende Technologisierung der Schifffahrt beobachten. Heute ist die Technologie für autonome Systeme da und wird auch die Schifffahrt nachhaltig verändern.“

          Das Gemeinschaftsunternehmen der Norweger bezeichnet der Wirtschaftsprofessor als Leuchtturmprojekt, dass die autonome Schifffahrt vorantreiben wird. Das Ziel, in naher Zukunft in Küstennähe autonome Schiffe fahren zu lassen, schätzt Johns als realistisch ein. Bezeichnend sei auch, dass mit Kongsberg ein Technologieunternehmen mit an Bord ist. Denn mit der zunehmenden Technologisierung werden die Technikzulieferer auch für die Schifffahrt immer wichtiger werden.

          Neben den wirtschaftlichen und technischen Hürden muss allerdings noch ein weiteres Problem gelöst werden, bevor die autonomen Schiffe eingesetzt werden können. Analog zum autonomen Fahren fehlt auch für die autonome Schifffahrt bislang ein geeigneter Rechtsrahmen. Massterly wird voraussichtlich in einem der drei Testgebiete Norwegens operieren. Sobald das Projekt jedoch über das Versuchsareal hinauswachsen wird, werden die norwegischen Juristen auch im Schifffahrtsrecht Neuland betreten.

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