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Massenfertigung : Chinas Rückgrat

Die Wanderarbeiter bilden das Rückgrat der Massenfertigung in China Bild: REUTERS

In China wächst die Unzufriedenheit, Streiks häufen sich und es kommt sogar zu Selbstmorden. Doch gemessen am Durchschnitt sind weder die Löhne bei Honda besonders niedrig noch die Arbeitsbedingungen bei Foxconn besonders schlecht. Eine Analyse von Christian Geinitz, Peking.

          Ausgerechnet im Sozialismus herrscht oft große Ungerechtigkeit. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg hat in China die Verkopplung gewinnorientierten Wirtschaftens mit dem Privilegienapparat der Einparteienherrschaft zu einer Vertiefung des Wohlstandsgefälles und zu wachsender Unzufriedenheit geführt. Zwei Vorgänge in Südchina rücken dies in die Schlagzeilen, die Streiks bei Honda und die Selbstmorde beim Elektronikhersteller Foxconn. Die Einzelfälle sind weniger bemerkenswert als ihre Instrumentalisierung durch den Staat: Die Ereignisse sollen helfen, Unternehmen zu großzügigeren Löhnen zu zwingen, die Binnennachfrage anzuregen und den Strukturwandel zu forcieren. Doch die Kampagne ist riskant, da sie Chinas wirtschaftliches Rückgrat gefährden könnte, die arbeitsintensive Massenfertigung.

          Der Reichtum des großen Landes ist höchst unausgewogen verteilt. Gemäß dem Gini-Koeffizienten zur Ungleichverteilung rangiert China im untersten Viertel aller Länder. Seit mehr als 20 Jahren sinkt der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das Einkommen in den Städten ist dreieinhalb Mal so hoch wie auf dem Lande und erreicht dennoch nur 2300 Euro im Jahr. Gemessen am Durchschnitt, sind weder die Löhne bei Honda besonders niedrig noch die Arbeitsbedingungen bei Foxconn besonders schlecht. Die Suizide sind tragisch (siehe: Selbstmordserie in der iPad-Fabrik). Sie konnten bisher aber nicht zweifelsfrei in Zusammenhang mit den Werksverhältnissen gebracht werden, zumal Unzufriedene angesichts des Arbeitskräftemangels leicht die Stelle wechseln können.

          Führung fürchtet den Volkszorn

          In der größten Elektrofabrik der Welt leben und arbeiten 300.000 Menschen, mehr als in Wiesbaden oder Karlsruhe. So betrachtet, liegt die Selbstmordrate unter dem Durchschnitt. Wirklich außergewöhnlich ist auch der Ausstand bei Honda nicht. Zwar hat der Arbeiterstaat das Streikrecht aus der Verfassung gestrichen. Verboten sind Arbeitsniederlegungen aber nicht. Ob sie toleriert, niedergeschlagen, totgeschwiegen oder, wie jetzt, bekanntgemacht werden, hängt angesichts fehlender Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit von den Interessen der Führung ab. Zuweilen enden die Konflikte blutig.

          Es ist die Entladung des Volkszorns, den Chinas Führung am meisten fürchtet. Die KP leitet ihre Daseinsberechtigung aus der Garantie der Unabhängigkeit des Landes ab, aus seinem Zusammenhalt und aus dem wachsenden Wohlstand der Bewohner. Arbeiterunruhen könnten gleich zwei dieser Grundpfeiler erschüttern. Dergleichen ist zwar nicht zu erwarten. Doch ist das Gefühl weit verbreitet, zu kurz gekommen zu sein und unter den steigenden Preisen besonders zu leiden. Die Führung spürt, dass sie aktiv werden muss, um die Entwicklung zu kontrollieren. Premierminister Wen Jiabao sagt, es gehe jetzt darum, die „soziale Gerechtigkeit“ zu verbessern. In einem ersten Schritt wurden deshalb die Mindestlöhne angehoben, was auch der Kaufkraftstärkung dient: Chinas Binnenkonsum gilt als zu schwach, die Exportabhängigkeit als krisenanfällig.

          China strebt einen Wandel an

          Aufgeschreckt durch die Ereignisse, hat Foxconn die Löhne von sich aus um ein Drittel gesteigert. Die Kunden Apple, HP oder Dell stehen ebenfalls unter Druck, weshalb sie unorthodoxen Plänen zustimmen könnten. Dazu gehört die Überlegung, Teile der Produktion nach Sichuan zu verlagern, näher heran an die Heimat vieler Wanderarbeiter. Die Provinzregierungen unterstützen solche Ideen, denn die wichtigsten Werkbänke, das Perlflussdelta im Süden und das Jangtsedelta im Osten, streben einen Strukturwandel zu höherwertigen Industrien und Dienstleistungen an. Im Einklang mit dem Entwicklungsplan für Chinas rückständigen Westen will man arbeitsintensive Massenfertigungen dem Landesinnern überlassen.

          Es ist richtig, die Arbeitnehmer an Chinas Aufstieg teilhaben zu lassen. Es ist sinnvoll, das Ungleichgewicht in der Handelsbilanz abzubauen. Es ist vernünftig, etwas gegen die Entwurzelung der Wanderarbeiter zu tun. Doch China muss auch aufpassen, dass es nicht an dem Ast sägt, auf dem es sitzt. Selbst in seinen modernen Küstenregionen ist das Land weit von einer Dienstleistungs-, Hightech- oder gar Wissensgesellschaft entfernt. Für einfache Arbeitnehmer braucht China einfache Tätigkeiten in wettbewerbsfähigen Betrieben. Deren Margen sind oft so gering, dass Lohnerhöhungen nur bei Steuerentlastungen möglich wären. Sonst bliebe nur, Investitionen anderswo vorzunehmen. Um den Zugang zum chinesischen Markt zu behalten, böte sich die Gemeinschaft Asean an, mit der Peking ein Freihandelsabkommen geschlossen hat.

          Solche Abwanderungen sind genauso wenig im Interesse Chinas wie eine weitere Gefahr, die die Kampagne verstärken könnte. Erste Fachleute warnen vor einer Stagflation in China, einem Zustand, in dem die Wirtschaft auf der Stelle tritt, während die Geldentwertung fortschreitet. Berechnungen zufolge würde eine Lohnerhöhung in den arbeitsintensiven Industrien die Verbraucherpreise weiter anfachen und das Wirtschaftswachstum bremsen. Auch ist mit dem Verlust von 700 000 Arbeitsplätzen zu rechnen. In China steht derzeit mehr auf dem Spiel als die Zukunft von Honda oder Foxconn.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

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