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Im alten Laden von Schulz : Die Buchhändlerin aus Würselen

  • -Aktualisiert am

Vor 25 Jahren übernahm Martina Schillings die ’Buchhandlung Schulz’ vom jetzigen SPD-Kanzlerkandidaten. Bild: Stefan Finger

Vor 25 Jahren übernahm die ehemalige Auszubildende Martina Schillings den Buchladen von Martin Schulz. Ein Gespräch über den Kanzlerkandidaten, den Buchhandel und den Schulz-Hype vor Ort.

          6 Min.

          Würselen ist nicht der Nabel der Welt. Doch seitdem der wohl bekannteste Bürger, Martin Schulz, als SPD-Kanzlerkandidat ins Rennen gegangen ist, hat es die 40.000-Einwohner-Stadt nördlich von Aachen in die Weltpresse geschafft. Schulz ist dort Bürgermeister gewesen. Und Buchhändler. Jahrelang hat er dort die kleine „Buchhandlung Schulz“ in der Kaiserstraße geführt. Martina Schillings hat bei ihm ihre Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht, später hat sie das kleine Geschäft von ihm übernommen, als er sich endgültig der Politik zuwandte. Seitdem trotzt sie der immer stärker werdenden Konkurrenz: den großen Buchhandlungsketten und ihrem größten Wettbewerber, dem Online-Versandhändler Amazon.

          Frau Schillings, wie alt waren Sie, als Sie bei Martin Schulz Ihre Ausbildung anfingen?

          Da muss ich überlegen... 19 oder 20. Das ist so lange her! Ich habe kurzentschlossen Fachabitur gemacht und so etwa drei Monate vor der Abiprüfung Herrn Schulz kennengelernt. Dem gehörte damals die Buchhandlung. Ich habe nachgefragt, ob ich ein Praktikum machen könne. Damit hätte ich die Fachhochschulreife bekommen und Bibliothekswesen studieren können, wie ich es eigentlich vorhatte. Dann hat es mir aber so gut gefallen, und Herr Schulz war wohl so mit mir zufrieden, dass wir das Ganze später in einen Ausbildungsvertrag umgewandelt haben.

          Wie haben Sie Martin Schulz kennengelernt?

          Das war über die SPD, über meinen Vater. Der war in einem Ausschuss für Städtepartnerschaft, genau wie Herr Schulz. Ich bin früher auch schon als Jugendliche in die Partnerstadt gefahren, nach Morlaix, das liegt oben in der Bretagne. Daher kannte ich Herrn Schulz auch schon flüchtig. Mein Vater sagte: „Frag ihn doch mal, der macht doch auch was mit Büchern.“ Ich habe mich schon früh sehr für Bücher interessiert.

          Wie war er denn als Ausbilder?

          Er war eigentlich immer sehr nett. Er weiß viel, konnte viel erzählen, das war immer spannend.

          Ging es auch viel um Politik?

          Nein, um Bücher!

          Die 52-Jährige ist mit 16 SPD-Mitglied geworden, ihr Vater hatte sie schon als Kind zum Flugblattverteilen mitgenommen. Nach der Ausbildung fing sie in einer Bonner Buchhandlung an und wurde dort Abteilungsleiterin. Fünf, sechs Jahre lang pendelte sie jeden Tag zwischen Würselen und Bonn – alles nur aus Liebe zu ihrem Mann, Andreas Dumke, der damals in Aachen studierte. Die Unis zu wechseln war kompliziert, und zwei Wohnungen mit ihrem Buchhändlergehalt und seinem Mini-Job zu finanzieren war auch nicht drin. Das war anstrengend, doch eines schönen Sonntags fand die Pendelei ein Ende.

          Wie sind Sie wieder zurück nach Würselen gekommen?

          Ich habe irgendwann an einem Sonntagsmorgen so ein Werbeblättchen aufgeschlagen. Da war eine große Anzeige drin, dass die ,Buchhandlung Schulz’ schließt und dass die Kunden doch bitte ihre Gutscheine einlösen sollten. Und da hab ich mir gedacht: Okay. Das wäre was! Ich weiß noch, wie wir den Herrn Schulz spontan angerufen haben. Er war da, und so sind wir nachmittags noch bei ihm vorbeigefahren. Ich habe ihm gesagt: Ich möchte das weitermachen! Und er hat gesagt: super! Und so habe ich mir, erst mal so per Handschlag, eine Buchhandlung gekauft.

          War er bei der Ablöse gnädig?

          Nein, das ist genau und fair aufgerechnet worden. Es war eigentlich schon alles unter Dach und Fach, es standen schon kaum noch Bücher hier. Nur die Regale waren noch da, aber ohne die hätte es für mich auch keinen Sinn gemacht. So ganz von null anzufangen...

          Wann war das?

          Vor 25 Jahren. Wir haben dieses Jahr Jubiläum. Im Sommer hatte ich den Laden übernommen und am 1. oder 2. Oktober eröffnet. Meine Familie hat das alles aber viel besser im Kopf als ich.

          Vieles hat sich für Schillings im Laufe der Zeit verändert. In ihrer Ausbildung hatte sie noch gelernt, mit dem Verzeichnis Lieferbarer Bücher zu bibliographieren. Computer gab es in der Schulz’schen Buchhandlung keine, stattdessen ein richtig schönes, altes Bestellbuch. Während ihrer Ausbildung hat sie sich in vielen Bereichen informieren, viele Fachbegriffe auswendig lernen müssen. Wenn ein Kunde kam und sagte, er hätte gerne ein Buch zu einem Thema, und irgendeinen medizinischen Fachbegriff nannte, dann musste sie wissen, was er meinte. Es gab ja noch kein Google. Als Schillings den Laden von Schulz übernahm, ging es gerade los mit den Computern. Und wieder ein paar Jahre später kam der Online-Händler Amazon.

          Wie hat Amazon Ihr Geschäft verändert? Sind durch Amazon Ihre Verkäufe zurückgegangen?

          Ja, das ist schon so. Vielleicht merkt man das in einer kleinen Buchhandlung in einer Kleinstadt aber nicht so stark wie in einer Großstadt. In einer Kleinstadt ist man ja mehr miteinander bekannt und verbandelt. Ich lebe ja auch hier, und meine Kinder gehen hier zur Schule. Man kennt sich. Und in der Großstadt ist es doch anonymer mit großen Ketten. Dann ist die Verbundenheit auch eine andere.

          Haben Sie einen Vorteil gegenüber den großen Ketten?

          Einerseits ja. Da finden es die Kunden sicherlich hilfreich, wenn sie einen Buchhändler ansprechen können, der weiß, welchen Geschmack sie haben und der sich damit auskennt. So wie jetzt mit den Schulbüchern: Das Kind hat den Zettel nicht, aber ich weiß trotzdem, was das Kind braucht. Andererseits gibt es bestimmt auch Bücher, die kauft der Kunde lieber anonym bei der Kette. Bei bestimmten Titeln sieht man das auch schön.

          Zum Beispiel?

          Es gab mal einen Bestseller, den haben wir kaum verkauft. Da sagte der Vertreter hinterher, dass den viele kleine Buchhandlungen in kleinen Orten nicht verkauft hätten. Aber bei den Großen, da ist das Ding gelaufen wie Socke. „Feuchtgebiete“ war das.

          Seit 2011 hat die Buchhandlung auch eine eigene Website. Schillings dachte sich damals: Wenn die Kunden Bücher im Netz bestellen, dann sollen sie das wenigstens bei ihr und nicht bei Amazon machen, egal ob E-Books oder normale Bücher. Doch nicht nur die Technik, auch die Kunden haben sich mit der Zeit verändert. Die Jugendlichen ab 14 Jahren hängen nun lieber vor dem Smartphone als vor einem Buch. Und ihre verbliebenen Kunden sind informierter oder glauben es zumindest zu sein. Viele gucken erst einmal bei Amazon, was es so gibt.

          Lesen die Leute heute anders als früher?

          Es hat sich schon etwas im Konsum und in der Wertschätzung der Bücher verschoben, es gibt viel mehr schnelllebige Literatur, die anschließend getauscht, verschenkt oder weggeschmissen wird.

          Das klingt nach „Fifty Shades of Gray“.

          Ja, genau. Das war früher zum Beispiel Barbara Cartland. „Beißerbücher“ haben wir die immer genannt. Wo die Damen immer in den Armen irgendwelcher Männer lagen, die sich über sie drüberbeugen und man dachte: „Der beißt jetzt gleich in ihren Hals rein.“ Es gibt aber auch Kunden, die sich nun bewusst ein gebundenes Buch leisten und sich völlig abgrenzen von Amazon und den E-Books.

          Was lesen Ihre Kunden gerade am liebsten?

          Im Moment ist das „Die Geschichte der Bienen“. Wenn die Leute in die Städte ziehen, vermissen sie anscheinend das Land. Dann möchten alle etwas über die Natur lesen. Selbst in Würselen, wenn man in eines der Neubaugebiete zieht, ein Grundstück kauft mit einem Haus, hat man ja meistens nur noch einen Garten, wo eine Schaukel und ein Grill reinpasst.

          Gibt es Bücher, von denen Sie sagen: Die kommen mir nicht ins Regal?

          Thilo Sarrazin hatten wir zum Beispiel nicht. Den haben wir den Kunden nur auf Wunsch bestellt. Solche Sachen stelle ich nicht ins Regal. Da habe ich beim ersten Buch eine Riesendiskussion mit vielen Kunden hier gehabt, die sich auf ihre Meinungsfreiheit berufen haben. Aber die habe ich ja auch. Und ich habe das Buch ja auf Nachfrage bestellt.

          Haben Sie denn auch Bücher von Martin Schulz hier im Laden?

          Ja, er hat ja zwei selber geschrieben. Die haben wir natürlich da. Und dann gibt es noch all diese Bücher, die Journalisten schreiben. Die haben wir auch.

          Vor vier Jahren war er auch mal für eine Lesung bei Ihnen.

          Ja, das war ein großes Ereignis in Würselen. Ein Mitarbeiter hat mich gefragt, ob wir nicht auf eine Buchpräsentation Lust hätten. Herr Schulz hat das Buch natürlich in Berlin vorgestellt, aber er wollte es am nächsten Tag sofort auch in Würselen präsentieren. Da haben wir gesagt: Ja, klar, machen wir sofort, und haben dann hier das alte Rathaus angemietet. Wir waren uns gar nicht so sicher, ob da jemand kommt, außer natürlich die ganzen SPD-Mitglieder. Es lief auch alles sehr ruhig an. Doch vier Tage vorher war dann Herr Schulz bei Markus Lanz in der Talkshow, und das Ganze ist explodiert. Wir mussten in die Aula des Gymnasiums umziehen, von jetzt auf gleich. Das war eine tolle Veranstaltung, es waren nicht nur Würselener da, sondern auch Leute von auswärts. Da ist ein richtiges Gespräch zustande gekommen, sehr sachlich, also keine blöden Fragen. Herr Schulz hat die Einkünfte aus dem Buch dem Förderverein Stadtbücherei Würselen und noch einem anderen karitativen Verein gespendet.

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          Wenn Martin Schulz ein Buch bestellen will, dann macht er das natürlich in seiner alten Buchhandlung und kommt dort auch vorbei, um es abzuholen. Wer gerade seine Lieblingsautoren sind, vermag Schillings aber nicht zu sagen, so vielseitig sei der SPD-Kandidat interessiert. Hin und wieder hat sie mit Schulz noch Kontakt, nur im Moment ist das eher schwierig, dafür sieht sie ihn sehr häufig im Fernsehen.

          Haben Sie denn auch selbst ein bisschen vom Schulz-Hype profitiert?

          Nein, glaube ich nicht. Was wir schon mal haben, ist Tourismus. Aber die Leute fragen dann nach Autogrammkarten oder ob sie ein Foto von der Buchhandlung machen dürfen. Das sind oft SPD-Mitglieder. Das ist total lustig. Aber die kaufen keine Massen an Bücher.

          Wie finden Ihre Kunden den Trubel?

          Anfangs waren dauernd sehr viele Journalisten hier, auch Fernseh-Teams, so dass Kunden mich anriefen und sagten: Können Sie mir das Buch schon mal bestellen? Wir kommen, wenn die weg sind. Die Journalisten haben wirklich alle angesprochen, aber die Leute mochten das nicht. Das liegt nicht daran, dass sie Herrn Schulz nicht mögen oder so. Man kennt ihn, und alle finden: Ja, der ist total nett und ein normaler Typ. Irgendwann haben sich hier dann alle über die Fernseh-Teams lustig gemacht. Und dieser Hype, den hat hier keiner verstanden.

          Sie wissen sicher schon, wen Sie im September bei der Bundestagswahl wählen...

          Da gehe ich mal von aus! Das liegt nicht nur am Kandidaten, aber ich finde es natürlich schon gut, dass Herr Schulz nun an der Spitze steht. Ich bin allerdings kein Freund von großen Koalitionen, ich mag es lieber, mal so richtig dagegenzuhalten.

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