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Martin Feldstein im Interview : „Der Euro hat wirtschaftlich enorm geschadet“

Harvard-Ökonom Martin Feldstein hielt vergangene Woche eine Vorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität. Bild: dpa

Der bekannte amerikanische Ökonom rechnet mit dem Irrglauben vieler Politiker ab, den Kontinent über die Währung einen zu wollen. Und er sagt, warum das Milliardenkaufprogramm der EZB wohl ins Leere läuft.

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          Herr Feldstein, Sie haben in den neunziger Jahren vor dem Euro gewarnt. In einem prophetischen Artikel hatten sie geschrieben, dass eine gemeinsame Währung den Kontinent nicht einen, sondern spalten könnte. War das Schwarzseherei?

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Tatsächlich hatte ich zwei Artikel geschrieben. Im „Economist“ habe ich über die ökonomischen Probleme einer gemeinsamen Geldpolitik und einen einzigen Wechselkurs geschrieben. Eine Einheitswährung für einen Wirtschaftsraum, in dem die Konjunktur nicht perfekt synchronisiert ist, führt zu Fehlallokationen. Und dann habe ich 1997 in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen Artikel geschrieben, dass der Euro – zusätzlich zu den ökonomischen Problemen – auch zu politischen Spannungen führen könnte.

          Diese Spannungen haben wir in extremer Form in der Euro-Krise erlebt, als alte Ressentiments wieder aufbrachen. Die Väter des Euros haben ihn als „Frage von Krieg und Frieden“ gesehen, so Helmut Kohl. Er meinte, dass der Euro den Frieden dauerhaft sichern werde.

          Es war aber wohl so, dass sowohl Franzosen als auch Deutsche glauben, sie könnten Europa dominieren. Die Deutschen vertrauten auf ihre starke Wirtschaft, die Franzosen sahen ihre raffinierte Diplomatie als Trumpf in Brüssel. Beide Vorstellungen mussten zu einem Konflikt führen. Wir haben in der Krise gesehen, dass die Franzosen sich getäuscht haben. Und tatsächlich sind viele alte Ressentiments wieder hochgekommen.

          Warum klappt eine gemeinsame Währung in Amerika besser als hier?

          Die Eurozone hat nicht die Anpassungsmechanismen, die es in den Vereinigten Staaten gibt, vor allem die Umverteilung durch die Steuer- und Sozialsysteme. Wenn New York eine Wirtschaftskrise erlebt, sinkt der Strom an Steuern, der nach Washington geht, und die New Yorker bekommen mehr Geld aus den gemeinsamen Sozialsystemen. Das geht automatisch und dämpft die Konjunkturschwankungen. So einen fiskalischen und sozialen Ausgleich gibt es im Euroraum nicht. Außerdem ist die Mobilität der Arbeitskräfte viel geringer. Arbeitslose aus der Euro-Peripherie ziehen nur in recht geringer Zahl nach Deutschland, wo sie einen Job finden würden. Dem stehen aber vielfach die Sprachbarrieren entgegen.

          Glauben Sie immer noch, dass der Euro der europäischen Integration mehr schadet als sie fördert?

          Ich sehe die Integration nicht als Selbstzweck, als das höchste Ziel der Politik.

          Viele Europapolitiker sehen den Euro als Instrument, um den Kontinent zu einen.

          Ich glaube, das funktioniert nicht. Nur weil die Leute Euro in ihren Taschen haben, fühlen sie sich nicht mehr als Europäer. Die Umfragen des Eurobarometers zeigen, dass das auch nach rund fünfzehn Jahren Euro-Einführung nicht der Fall ist.

          War die Euro-Krise eine logische Folge einer Euro-Fehlkonstruktion oder ein vermeidbarer Unfall?

          Den vom Euro verursachten Zinsverfall in der Peripherie, der dort zu Häuser-Blasen und anderen Blasen führte, die dann zu Kreditausfällen, Banken- und Staatskrisen führten, habe ich nicht prognostiziert. Aber diese Krise war ein direkter Effekt des Euros. Der Euro hat wirtschaftlich enorm geschadet.

          Jetzt scheint sich die Euro-Krise aber gelegt zu haben. An den Märkten ist die Panik vorbei. Alles scheint ruhig, die Anleihezinsen der hochverschuldeten Länder sind erstaunlich niedrig.

          Zu niedrig, würde ich sagen. Es ist doch unnatürlich, wenn zweijährige italienische Staatsanleihen eine negative Rendite haben, obwohl Italien mit 135 Prozent des BIP verschuldet ist. Die Zinsen sind so unnatürlich niedrig, weil Mario Draghi von der EZB versprochen hat, sie tief zu halten. Der Stabilitätspakt erscheint mir nicht glaubwürdig. Es hat nie Strafen für überhöhte Defizite gegeben, und es wird auch keine geben. Das Problem der sehr niedrigen Zinsen ist, dass die Regierungen sich nicht übermäßig anstrengen mit der Haushaltskonsolidierung.

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