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Martin Blessing : Eine Nummer zu groß

„Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen”, sagt Commerzbankchef Martin Blessing Bild: ©Helmut Fricke

Commerzbank-Chef Blessing lässt offen, ob er die Dresdner Bank heute noch übernehmen würde. An der Integration aber hält er weiter fest. Die Allianz-Anleger freuen sich: Sie hatten Angst, dass das Sorgenkind Dresdner Bank im Konzern bleiben könnte.

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          „Ich weiß es nicht. Das ist eine hypothetische Frage.“ Überzeugend klang die Antwort von Commerzbank-Vorstandssprecher Martin Blessing am Donnerstagabend nicht auf die Frage, ob er mit dem heutigen Wissensstand noch einmal die Übernahme der Dresdner Bank stemmen würde. Den Jahrhundertdeal, der die deutsche Bankenlandschaft grundlegend ändern und die Commerzbank zumindest im deutschen Heimatmarkt auf Augenhöhe zum Branchenprimus Deutsche Bank hieven sollte, durfte er am 1. September 2008 mit Michael Diekmann verkünden, dem Vorstandsvorsitzenden des Dresdner-Bank-Eigentümers Allianz.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nur gut 100 Tage zuvor hatte er das Zepter bei der Commerzbank von Klaus-Peter Müller übernommen, dem heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden. Nach nicht einmal 250 Tagen muss Blessing den Offenbarungseid leisten: Der Staat schießt nach seiner Kapitalspritze vom Dezember (8,2 Milliarden Euro) weitere 10 Milliarden Euro ein und wird künftig größter Aktionär. Dank seiner mit einem Veto-Recht vergleichbaren Sperrminorität (25 Prozent plus eine Aktie) kann der Bund wichtige Entscheidungen in der Geschäftspolitik blockieren.

          Mehr als die Hälfte des Kernkapitals vom Staat

          Doch Blessing sieht darin nichts Verwerfliches: Ungewöhnliche Zeiten erforderten ungewöhnliche Maßnahmen. Außerdem verweist er auf die Vereinigten Staaten, wo zahlreiche Banken vom Staat zwangskapitalisiert worden sind. Die Commerzbank sieht sich in „guter“ Gesellschaft: Citigroup, Bank of America, J. P. Morgan Chase. In Großbritannien musste der Staat sogar die Mehrheit bei der Royal Bank of Scotland übernehmen, da privaten Investoren das Engagement zu riskant war.

          Der Staat ist künftig der größte Aktionär der Commerzbank
          Der Staat ist künftig der größte Aktionär der Commerzbank : Bild: REUTERS

          Die umfassende Rekapitalisierung der Commerzbank - mittlerweile trägt der Staat zum Kernkapital von gut 30 Milliarden Euro mehr als 18 Milliarden bei - hat nach Blessings Darstellung der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) vorgeschlagen.

          Der Soffin verantwortet das von der Bundesregierung geschnürte 480 Milliarden Euro umfassende Rettungspaket für die Kreditwirtschaft. Es sei der Wunsch der Politik gewesen, die großen Banken vor der bevorstehenden Rezession wetterfest zu machen.

          Blessing hätte es wissen müssen

          Trotzdem muss Blessing einräumen, dass private Investoren der Commerzbank und ihrer künftigen Tochtergesellschaft Dresdner Bank im jetzigen Umfeld kein Kapital zur Verfügung gestellt hätten. Alternativen zum zweiten Bittgang zum Soffin gab es also für ihn nicht. Der erste liegt nur wenige Wochen zurück.

          Dass er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht absehen kann, wann sich der Staat wieder aus der Commerzbank zurückziehen wird, verdeutlicht die dramatische Situation, die durch die weiteren milliardenschweren Abschreibungen bei beiden Häusern eingetreten ist. Er hofft, dass der Rückzug noch in seiner beruflichen Laufbahn geschehen werde.

          Dass wenige Tage nach Bekanntgabe der Dresdner-Bank-Übernahme die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers Insolvenz anmelden musste, für dieses Ereignis will Blessing keine Verantwortung übernehmen.

          Doch die Probleme der einst viertgrößten Investmentbank der Vereinigten Staaten waren schon lange vorher Thema an den Kapitalmärkten. Davon musste er gewusst haben. Denn die Finanzkrise war im Sommer 2007 ausgebrochen, und eine Kriseneskalation, so wie sie im vierten Quartal 2008 nach der Lehman-Pleite und dem Beinahe-Bankrott Islands eingetreten ist, hätten vorsichtige Kaufleute als mögliches Szenario auf der Rechnung haben müssen. Erst recht die Commerzbank-Führung, die mit ihrer auf Immobilienfinanzierungen spezialisierten Tochtergesellschaft Eurohypo von Anfang an im Feuer der Krise stand.

          Aktie der Commerzbank verlor kräftig an der Börse

          Eine solche Verschärfung der Krise sei unvorstellbar gewesen, ist Blessing auch heute noch überzeugt. Dass die Übernahme der Dresdner Bank im gegenwärtigen Krisenumfeld für seine Bank eine Nummer zu groß sein könnte, kein Thema. Die Integration werde wie geplant umgesetzt, schließlich hätten daran alle Beteiligten, also die Politik und der Noch-Eigentümer Allianz, ein Interesse daran.

          Die konstruktive Rolle des Versicherungskonzerns lobte Blessing dann auch. Die Allianz war vom ursprünglich vereinbarten Kaufpreis von 9,8 Milliarden Euro kurz vor Weihnachten auf 5,1 Milliarden runtergegangen. Nun leisten die Münchner eine stille Einlage bei der Commerzbank von 750 Millionen Euro und kaufen der waidwunden Dresdner Bank auch noch Risikopapiere für 1,1 Milliarden Euro ab.

          Am Freitag wird beim Blick auf die Aktienkurse klar, warum die Allianz so opferbereit war: Ihr Kurs legte um gut sechs Prozent zu, weil die Investoren erleichtert waren. Denn nach dem Einstieg des Staates bei der Commerzbank scheint die Gefahr endgültig gebannt zu sein, dass das Sorgenkind Dresdner Bank doch noch im Versicherungskonzern verbleiben könnte.

          Die Aktie der Commerzbank verlor dagegen gut zehn Prozent. Am Donnerstag war der Kurs schon um 14 Prozent eingebrochen. Vier Monate nach Blessings Jahrhundertdeal hat der Commerzbank-Titel mit 4,47 Euro ein historisches Tief markiert. Die Börse hat ihr Urteil gesprochen.

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