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Martin Blessing : Der nette Banker

Martin Blessing ist ein netter Kerl. Nur so ist zu erklären, dass der Chef der Commerzbank bislang nicht stärker in der Kritik steht. Denn die Entwicklung des Finanzkonzerns ist bislang ein Desaster.

          Martin Blessing ist ein netter Kerl. Alles, was man Böses über Banker im Kopf haben mag, trifft auf ihn offenkundig nicht zu. Elemente von Gier hat er zumindest öffentlich nicht erkennen lassen. Konventionalität ist ihm fremd, am liebsten läuft er im Hemd herum. Und er hat, das ist gar nicht genug zu loben, sogar eine dem Managertum als solchem völlig fremde Neigung zu augenzwinkerndem Humor.

          Nur durch diese sympathische Art ist zu erklären, dass der Chef der Commerzbank bislang nicht stärker in der Kritik steht. Zugegeben, auf der Hauptversammlung in Frankfurt am Freitag und Samstag musste Blessing sich so manch harsches Wort seiner Kleinaktionäre anhören. Spaß macht das kaum, ist aber eine in Vorstandskreisen als lästige Pflichtübung ertragene Routineprozedur. Ansonsten aber hält sich die öffentliche Kritik an Blessing bislang auffallend in Grenzen.

          Blessings Jahrhundertprojekt hat sich als Flop erwiesen

          Dabei ist die Entwicklung der Commerzbank bei näherer Betrachtung ein Desaster. Die Übernahme der Dresdner Bank, Blessings Jahrhundertprojekt, hat sich als Flop erwiesen. Statt sie zu stärken, hat die Dresdner Bank die Commerzbank geschwächt. Und zwar so dramatisch, dass der Fressende am Gefressenen fast erstickt wäre.

          Von den gefeierten Erfolgen von Blessings Vorgänger Klaus-Peter Müller ist nicht mehr viel übrig. Die Immobilienbank Eurohypo, mit der Müller die Commerzbank einst auf Platz zwei in Deutschland gehievt hatte, muss verkauft werden. Das Profil als Immobilien- und Mittelstandsbank ist damit hinfällig. Vom Investmentbanking hat Blessing sich (richtigerweise) auch verabschiedet. Was bleibt, ist ein Privat- und Firmenkundengeschäft, das in der Rezession noch kräftig Blessuren bekommen wird.

          Blessing wirkte auf der Hauptversammlung wenig überzeugend. Der Grund dürfte sein, dass er selbst wenig überzeugt ist von dem, was er vorzutragen hatte. Was soll er seinen Aktionären auch sagen? Um stolze 78 Prozent ist der Kurs der Commerzbank seit seinem Amtsantritt eingebrochen. Und selbst von einer gewissen Erholung, wie sie bei einigen anderen Banken zuletzt zu spüren war, erkennt man bei der Commerzbank wenig.

          Die Crux beim Retten

          Zudem bekommen die Aktionäre auf absehbare Zeit keine Dividende. Und wenn die Bank ihre giftigen Wertpapiere in eine Bad Bank auslagern sollte, an deren Umsetzung die Regierung arbeitet, dann könnten für die Verluste daraus sogar die Dividenden künftiger Aktionäre herangezogen werden.

          Zugleich bestimmt der Staat jetzt als wichtigster Einzelaktionär auf Jahre die strategische Ausrichtung der Commerzbank. Das kann immer wieder zu Interessenkonflikten führen. Wird die Regierung der Commerzbank erlauben, Opel keinen Kredit zu geben, wenn es eng wird? Wird die Regierung zulassen, dass Schaeffler kein neues Geld bekommt? Und: Wird die Regierung großen Industrieunternehmen, die bei der Commerzbank verschuldet sind, glaubhaft staatliche Unterstützung verweigern können, wenn alle wissen: Wenn die Kredite bei der Commerzbank ausfallen, zahlt der Steuerzahler den Verlust am Ende ja doch wieder?

          Das nämlich ist die Crux beim Retten: Wenn man einmal damit angefangen hat, ergeben sich immer neue Gründe, warum der Staat nicht aufhören kann. Auch für die Commerzbank selbst ist noch kein glaubwürdiges Szenario zu erkennen, wie Blessing die Staatshilfe jemals zurückzahlen soll. So nett dieser Bankchef neuen Typs auch sein mag.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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