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Marode Infrastruktur : Im Kosovo gehen die Lichter aus

Kohlekraftwerke in Prishtina. Bild: Christian Geinitz

Die wirtschaftliche Misere vertreibt die Menschen. Stromausfälle und marode Kraftwerke blockieren die Entwicklung. Können deutsche Unternehmen die Zeitbombe entschärfen?

          Der kosovarische Bürgermeister redet sich in Rage – auf Deutsch. Alles habe die Stadt versucht, damit die Einwohner nicht weglaufen, sagt Muharrem Svarqa und gestikuliert wild mit den Händen. Sogar Werbetafeln mit patriotischen Botschaften ließ die Verwaltung aufstellen: „Bleibt hier, das Vaterland braucht euch!“, steht dort, oder: „Kehrt nicht denen den Rücken zu, die für unsere Unabhängigkeit gekämpft haben!“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Energisch schüttelt Svarqa, der selbst 15 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, den Kopf: „Ich kann es den Leuten nicht einmal übelnehmen, wenn sie gehen. Wir haben ihnen ja nichts anzubieten.“ Seit Januar sind rund 3500 Personen aus Ferizaj, einer Großgemeinde mit 110000 Einwohnern südlich der Hauptstadt Prishtina, ins Ausland geflüchtet. Nach Jahrzehnten der Auswanderung leben inzwischen 50000 Bewohner legal oder illegal in Westeuropa. „Jeder Dritte ist weg, meine Tochter hat in Deutschland geheiratet und kommt auch nicht wieder“, sagt Svarqa. „Wenn nicht mal unsere eigenen Leute der Zukunft hier vertrauen, wie sollen es dann Investoren tun?“

          Wer nach den Ursachen für den Auswanderungsstrom sucht, kommt an der wirtschaftlichen Misere des Landes nicht vorbei – und an einer riesigen Kraftwerksanlage, die symbolisch für den desolaten Zustand der Wirtschaft und der Energieversorgung steht. Fachleute sprechen von einer tickenden Zeitbombe, wenn es um dieses Thema geht. Und Bürgermeister Svarqa schimpft: „Das Schlimmste ist, dass im Winter ständig der Strom ausfällt.“ Diese Unsicherheit vergraule Investoren und vergrößere die Ausreisewelle noch. In Ferizaj ist die Arbeitslosenquote auf 35 Prozent gestiegen.

          Selbst wer eine Beschäftigung hat, kann von 300 Euro Durchschnittseinkommen im Monat kaum leben, die Angehörigen im Ausland müssen helfen. Der größte Arbeitgeber ist die Verwaltung, es gibt einige kleine Metall- und Holzbetriebe, aber keine Industrie. Wasserversorgung und Kanalisation sind veraltet, Heizungen fehlen, die Wärme wird direkt in den Häusern aus Holz, Kohle, Diesel oder Elektrizität gewonnen. Auf die marode zentralstaatliche Energieversorgung will sich die Stadt nicht verlassen. Darum geht sie eigene Wege.

          Mit Zuschüssen aus Deutschland hat Ferizaj einen Teil seiner Straßen mit Solarlaternen ausgerüstet. Außerdem will das Berliner Unternehmen Unitas Energy hier 20 Millionen Euro in zwei Anlagen zur Strom- und Wärmeerzeugung aus Biomasse investieren. Eine neue Einspeisevergütung für alternative Energien macht es möglich, dass man im Kosovo „zugleich Gutes tun und Geld verdienen kann“, wie Unitas-Geschäftsführer Gerhard Brazel sagt.

          Kohlekraftwerke als tickende Zeitbomben

          Am Stadtrand von Prishtina stehen die uralten Braunkohleanlagen „Kosovo A“ und „Kosovo B“, sie sollen das ganze Land versorgen – eigentlich. Vor allem „Kosovo A“ ist nicht nur dreckig und unzuverlässig, sondern auch gefährlich. Bei einer Explosion im vergangenen Sommer kamen zwei Arbeiter ums Leben, 30 wurden verletzt. „Die Unfälle und die Stromausfälle zeigen, wie heikel die Lage ist. Das kann jederzeit wieder passieren“, warnt Volker Harzbecker. Seit Jahren treibt der Mann das Balkan-Geschäft seines Arbeitgebers voran, des Kraftwerkbauers Bilfinger Power Solutions aus Oberhausen. „Da tickt mitten in Europa eine Zeitbombe“, sagt er. Diese zu entschärfen, hat sich sein Unternehmen vorgenommen, beißt aber bislang auf Granit. Der Plan der Deutschen sieht vor, die alten Blöcke nach und nach durch hocheffiziente umweltschonende Einheiten zu ersetzen – eine Komplettsanierung also. Die Regierung indes konzentriert sich darauf, direkt neben den vorhandenen Kraftwerken ein drittes zu errichten, Kosovo C.

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