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Marktwirtschaft : Krisen gehören dazu

  • -Aktualisiert am

Die Finanzkrise wäre vermeidbar gewesen, behauptet ein Untersuchungsbericht des amerikanischen Kongresses. Stimmt das? Das Auf und Ab der Wirtschaft ist zwar lästig, doch die Idee, solche Zyklen zu glätten, ist gefährlich.

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          Elf Billionen Dollar an privatem Haushaltsvermögen hat die schwere Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 vernichtet: Ersparnisse schmolzen dahin, Rücklagen fürs Alter verschwanden. Und die Steuerzahler aller Länder, ohnehin bis über beide Ohren verschuldet, stehen seither mit zusätzlichen Milliarden in der Kreide, die für Banken und teure Konjunkturprogramme ausgegeben wurden.

          Da wird man fragen dürfen, wer die Verantwortung für den Schlamassel trägt und ob das Unheil nicht vermeidbar gewesen wäre. Der Untersuchungsbericht des amerikanischen Kongresses, der in der vergangenen Woche vorgelegt wurde, gibt dazu nicht die erste, aber die gründlichste Antwort. Und womöglich die poetischste: „Die Fehler, lieber Brutus, liegen nicht in den Sternen, sondern in uns“, zitiert der Bericht Shakespeares Julius Cäsar. Oder, weniger poetisch: Die Krise war das Ergebnis menschlichen Handelns und menschlicher Tatenlosigkeit und nicht menschlicher Natur oder verrückter Computer.

          Das kann nicht oft genug all jenen gesagt werden, die sich im Nachhinein aus der Verantwortung stehlen wollen: Banker, Notenbanker, Politiker, Aufsichtsorgane, Ökonomen, Ratingagenturen, Journalisten und viele mehr. Sie alle gaben sich arglos, wie in einem schlechten Krimi: „Wir sind es nicht gewesen.“ Der Schwäche der menschlichen Natur (das ist mehr als Gier und Hybris), dem Verfall von Moral und Haftungsgrundsätzen, dem fehlerhaften Design von Finanzmarktinstitutionen und einer laxen politischen Aufsicht, schreibt der Kommissionsbericht die Hauptschuld zu. Das ist plausibel und differenziert argumentiert. Aber die Schlussfolgerung fordert Widerspruch heraus: „Die Finanzkrise wäre vermeidbar gewesen“, steht da in fetten Lettern. Wirklich?

          Krisen gehören zum Kapitalismus wie die Erkältung zum Kleinkind

          Die Tatsache, dass nicht Naturgewalten, sondern menschliches Versagen vorliegen, ist als Begründung nicht hinreichend. Es sei denn, es wird ganz trivial: Man hätte immer anders handeln können. Hat man aber nicht. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer und im Lichte der heutigen Entwicklung hätte man vieles unterlassen und anderes tun müssen.

          Aber damals? Was heute als leichtsinnige Kreditvergabe erscheint, galt damals ordentlich besichert. Was damals als Pfand durchging, schrumpfte plötzlich an Wert im selben Maße, in dem die Kredite (und ihre synthetischen Produkte) faulten. Auch die Risikoskala zwischen langweilig und waghalsig verschiebt sich im Zeitverlauf

          Hinter der verbreiteten Vorstellung, Krisen seien vermeidbare Phänomene, steckt die utopische Vorstellung einer ausgeglichenen Welt, die im Rhythmus eines gemäßigten Konjunkturzyklus atmet. Die Geschichte lehrt indessen das Gegenteil: Krisen gehören zum Kapitalismus wie die Erkältung zum Kleinkind. Manchmal können solche Krankheiten sogar die Abwehrkräfte stärken. Stets sind sie aber lästig.

          Die Utopie einer Welt ohne Krisen ist nicht nur falsch, sie ist obendrein auch noch gefährlich: Denn sie verhindert, dass wir uns auf Krisen besser vorbereiten, um sie besser (und weniger heftig) zu ertragen. Es ist kein Zufall, dass sowohl vor dem Zusammenbruch der New Economy im Jahr 2001 wie auch in den Jahren vor dem Fall der Lehman-Bank 2008 Ideen einer neuen Ausgeglichenheit („Great Moderation“) Konjunktur hatten. Das vernebelt den Verstand.

          Wer meint, Krisen ließen sich vermeiden – einerlei, ob durch politische Regulierung, mehr Bankenaufsicht oder größeren Anlegerschutz – wird besonders unvorbereitet in die nächste Krise schlittern. Es ist an der Zeit, statt Krisenvermeidungstheorien endlich eine Theorie der Krise zu erarbeiten. Bei Marx und Schumpeter lässt es sich in die Schule gehen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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