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Markt und Gesellschaft : Bloß keine Welt ohne Schulden

Eine Schuldverschreibung der „Siemens Elektrische Betriebe Aktiengesellschaft“ über 1000 Mark Bild: akg-images

Der Anthropologe David Graeber hat ein Buch gegen die „Schulden“ geschrieben. Er übersieht, dass eine schuldenfreie Welt noch nicht einmal wünschenswert wäre.

          Adam Smith (1723 bis 1790), jener schottische Aufklärungsphilosoph, dem wir bis heute unser Wissen über das Wesen der Märkte verdanken, sieht den Wohlstand der Nationen begründet in einer „natürlichen Neigung“ der Menschen, miteinander zu handeln und Dinge untereinander zu tauschen („the propensity to truck, barter, and exchange one thing for another“). Wenn er recht hat und dies tatsächlich eine „natürliche Neigung“ ist, dann darf man mit Gründen annehmen, dass auch schon die Neandertaler Handel und Tausch zum gegenseitigen Vorteil zu nutzen wussten. Wollten beide tauschen und kamen darin überein, dass die Tauschgegenstände gleichwertig sind, war der Handel perfekt. Um die Sache zu vereinfachen, hat man später das Geld erfunden (eine Tat von überragender Bedeutung), womit qualitative Äquivalenzen (ist der eine Gegenstand wirklich so viel wert wie der andere?) in quantitative Relationen übersetzt werden konnten und man die Festlegung der Preise getrost dem Markt überlassen konnte.

          Am Anfang war die Handelsharmonie

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Gerade weil Menschen egoistisch sind, haben sie die Fähigkeit zur Kooperation im Handel entwickelt. Man kann es auch umdrehen: Gerade weil Menschen ein ursprüngliches Gefühl für Fairness haben, wissen sie, dass es in ihrem ureigenen Interesse sein muss, einander nicht über den Tisch zu ziehen. Tun sie es doch, endet das meist in Mord und Totschlag. Am Anfang der Weltgeschichte stünde somit, folgt man Adam Smith, eine prästabilisierte Handelsharmonie, die Egoismus und Altruismus in der Balance hält und getrieben durch Arbeitsteilung unseren heutigen Wohlstand ermöglicht.

          David Graeber, ein in England lehrender amerikanischer Anthropologe und Anarchist, ist nicht der Erste, der antritt, Adam Smith’ Lehre zu zertrümmern. Aber er ist der jüngste Angreifer. Seine Attacke hat Wucht und - zumindest umfangmäßig - Gewicht: Auf engbedruckten 600 Seiten werden 5000 Jahre Markt- und Kapitalismusgeschichte durchmessen. „Schulden“ heißt Graebers Buch, das übernächste Woche in die Buchhandlungen kommt.

          Um es kurz zu machen: Der Angriff ist zum Scheitern verurteilt; Adam Smith bezwingt keiner. Aber die Beschäftigung mit Graebers Buch ist gleichwohl sehr lohnend (wenn man einmal von einer Neigung des Autors zu Langatmigkeit und der ausgeprägten Liebe zu Umwegen großzügig absieht).

          „Die Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern“

          Graebers Titel ist Programm. Nicht der Tausch, sondern eine Schuldbeziehung steht am Anfang der Menschheitsgeschichte. Und damit, so Graeber, ist die Katastrophe einer langen Geschichte von menschlicher Unterdrückung und Gewalt von Beginn an perfekt. Einer nimmt vom anderen etwas, ohne dafür eine Gegengabe parat zu haben. Damit gerät er in Schuld und Abhängigkeit. Denn der andere versteht seine Gabe nicht als Geschenk, sondern als rückzahlbare Verpflichtung. Schon die ersten beiden Menschen im Paradies stehen sich bei Graeber als Gläubiger und Schuldner gegenüber.

          Wer, wie Adam Smith, die Urszene der Menschheitsgeschichte als Tauschbeziehung begründet, glaubt an Reziprozität und Fairness. Wer sie als Schuldverhältnis beschreibt, geht von der Einseitigkeit einer Unterdrückungsgeschichte aus. „Die Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern, ausgetragen auf dem Schlachtfeld des Geldes“, schreibt Graeber, dem Pathos nicht abhold. Die Theorie von Adam Smith vom ursprünglichen Handel verbannt er in das Reich des Mythos.

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