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Markt für Naturgas : Wie erpressbar ist Deutschland durch Gasprom?

  • -Aktualisiert am

Auf oder zu: Absperrventil auf dem Gasfeld von Juschno-Russkoje in Sibirien Bild: Röth, Frank

Deutschland hängt zu sehr an russischem Gas, meint der polnische Ministerpräsident Donald Tusk. Doch Gasprom ist nur einer von mehreren Lieferanten. Es gibt Alternativen, und das Erpressungspotential hält sich in Grenzen.

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          Die Krisendiplomatie zur Beilegung des Krim-Konfliktes ist in vollem Gang. Mittwoch fliegt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) deshalb nach Warschau. Was Ministerpräsident Donald Tusk ihr sagen will, hat er am Montag schon einmal der Nachrichtenagentur PAP erläutert: „Die Abhängigkeit von russischem Erdgas darf Europa nicht in einem Moment lähmen, wenn schnelles Handeln und ein eindeutiger Standpunkt gefragt sind.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Polen ist Nachbar der Ukraine und mittelbar von dem russischen Vorgehen betroffen. Für den Fall, dass Berlin den Weckruf überhört haben sollte, fügte Tusk, dessen Regierung auf Kernenergie und Kohlekraftwerke setzt und gerade ein Dutzend Kampfjets aus Amerika willkommen heißt, noch eben hinzu: „Das betrifft nicht nur Deutschland, aber die Deutschen sind ein Paradebeispiel dieser Abhängigkeit in den vergangenen Jahren.“

          Abhängigkeit ist relativ: Nach Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) stammten voriges Jahr 35 Prozent des moderat gestiegenen deutschen Gasverbrauchs aus Russland. 27 Prozent kamen aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden. Die Eigenerzeugung sank weiter auf noch 8 Prozent.

          Aktuell gibt es keine Probleme. Die Netzbetreiber registrieren keinen Druckabfall in den Röhren, durch die das Gas über Tausende Kilometer aus Sibirien gepumpt wird. „Die Erdgasflüsse am Grenzübergangspunkt in Waidhaus liegen im Normalbereich“, heißt es beim deutschen Gasnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE), der das frühere Eon-Ruhrgasnetz betreibt. Voll wie nie ist die Ostseeleitung Nord Stream. Bis zu 60 Prozent der Röhre seien ausgelastet, sagt ein Firmensprecher. Das ist ein neuer Rekordwert.

          Probleme gibt es auch beim Weitertransport in Deutschland

          Doch was, wenn der Gasfluss durch die Ukraine zum Erliegen kommen sollte? Dann wäre die Hauptgasschlagader Richtung Westen abgeschnitten. So war es im Winter 2006 und 2009 geschehen, als Russland dem Nachbarstaat kurzerhand den Gashahn abdrehte – mit Folgen vor allem für die Balkanstaaten. Dass man damit im Falle unbezahlter Rechnungen in Moskau auch jetzt liebäugelt, hatte Gasprom schon vorige Woche klargemacht.

          Dennoch wiegelt der Sprecher des deutschen Gasnetzbetreibers OGE ab: „Selbst bei einem vollen Ausfall der Liefermengen über die Ukraine sind in den nächsten Monaten Versorgungseinschränkungen für Deutschland unwahrscheinlich.“ Auch auf europäischer Ebene sähen die Netzbetreiber „derzeit keine Transporteinschränkungen und erwarten auch keine“. Dazu habe man Gespräche mit der EU-Kommission, der ukrainischen Transportgesellschaft Ukrtransgaz und andern geführt. Im Bundeswirtschaftsministerium heißt es, nur noch die Hälfte der russischen Gasexporte gelange über die Ukraine nach Europa. Der Rest nehme seinen Weg durch die Nord Stream- und die Jamal-Pipeline, letztere führt durch Weißrussland nach Polen.

          Die Nord-Stream-Betreiber sähen sich auch in der Lage, mehr Gas durch die Ostsee nach Deutschland zu schaffen. Voraussetzung wäre natürlich, Gasprom würde entsprechende Gasmengen bereitstellen. Allerdings hakt es auch noch beim Weitertransport auf dem Nord-Süd-Transit von Greifswald nach Tschechien. Wegen Streitigkeiten mit der EU darf die dicke „Opal“-Leitung nur etwa zur Hälfte genutzt werden. Immerhin ist die norddeutsche Anschlussleitung Richtung Niederlande seit dem Herbst voll in Betrieb.

          Flüssiggas und Fracking als Alternativen

          Selbst bei einem Abbruch der Lieferungen gingen in Deutschland nicht von heute auf morgen die Cracker der Großchemie und die Heizungen in den Wohnungen aus. Einen Füllstand von fast 60 Prozent meldeten die deutschen Gasspeicher Ende voriger Woche, im Schnitt der EU waren sie fast halbvoll. Das würde zwar nicht lange reichen, würde Russland in einem Wirtschaftskrieg alle Lieferungen einstellen. Doch das geschah selbst zu Hochzeiten des Kalten Kriegs und beim Zusammenbruch der Sowjetunion nicht.

          Kurzfristig müssten in dem Fall wohl die westeuropäischen Förderländer ihre Produktion trotz schrumpfender Reserven erhöhen: die Niederlande, Großbritannien und Norwegen. Ein Sprecher von Statoil, Europas zweitgrößtem Produzenten, will über solche Szenarien nicht spekulieren. Man verfolge die Lage genau, sehe aber keinen Grund für besondere Maßnahmen. „Nach unserem Eindruck ist die Versorgungslage in Europa auf kurze Sicht gut.“ Er sagte aber auch, dass Statoil in der Lage sei, seine Lieferungen gegebenenfalls „anzupassen“. Tatsächlich hatte Statoil 2013 seine Lieferungen nach Deutschland deutlich reduziert, laut amtlicher Statistik um fast ein Siebtel.

          Ob nordafrikanische Staaten kurzfristig als Pipelinegas-Lieferanten einspringen könnten, scheint zweifelhaft. Eher könnte verflüssigtes Gas (LNG) auf dem preissensiblen Weltmarkt mobilisiert werden. Die mit der Fracking-Technologie ausgebeuteten zusätzlichen Gasmengen in Amerika würden dabei eine Rolle spielen wie die Absichten Japans, alte Kernkraftwerke wieder anzuwerfen, um die Gasimportrechnung zu reduzieren.

          21 Terminals für Flüssiggas werden derzeit in der EU betrieben, 7 sind im Bau. Für weitere 32, vor allem im Mittelmeer und Ostseeraum, gebe es Planungen, hatte Wim Groenendijk, der Präsident von „Gas LNG Europe“, kürzlich in Wien vorgerechnet. Das war im Januar. Von Krim-Krise, Wirtschaftssanktionen und der Angst vor einem möglichen Gaslieferboykott redete da noch keiner.

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