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Marken : Made in Germany: Vom Schandmal zum Gütesiegel

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Ein Symbol für die Marke „Made in Germany”, die Thyssen-Hütte in Rheinhausen Bild: ThyssenKrupp AG

„Made in Germany“ - was vor 125 Jahren ursprünglich als Schandmal gedacht war, entwickelte sich zu einem Gütezeichen der deutschen Wirtschaft.

          Das hatte sich die britische Regierung ganz anders vorgestellt, als sie vor genau 125 Jahren, am 23. August 1887, per Gesetz den wirtschaftlichen Emporkömmling Deutschland in seine Schranken verweisen wollte.

          Mit Hilfe des „Merchandise Marks Act" sollten von nun an deutsche Produkte mit dem Logo „Made in Germany" gebrandmarkt und die britische Bevölkerung zugleich vor den minderwertigen Waren vom europäischen Festland gewarnt werden. „Buy british" lautete der Slogan auf der Insel und die Regierung glaubte, für die Zukunft gut gerüstet zu sein - denn noch genossen britische Industrieprodukte einen hervorragenden Ruf; was britisch klang, besaß den Nimbus des Besseren.

          Billiglöhne und Nachahmung

          Doch der Störenfried Deutschland war nicht mehr aufzuhalten. Und das britische Empire, dass rund 100 Jahre von seinem Vorsprung als erste Industrienation der Welt gelebt hatte, konnte dem nur weniges noch entgegensetzen.

          Getrieben von der Reichsgründung 1871 erhielt der Aufschwung auch politischen Rückhalt. Der deutsche Unternehmergeist war geweckt. Die Wirtschaft profitierte hierbei jedoch zunächst von weniger ruhmreichen Praktiken: Billiglöhne und Nachahmungen waren mehr die Regel als die Ausnahme. So schrieb Werner von Siemens in seiner bekannten „Denkschrift betreffend die Notwendigkeit eines Patentgesetzes für das Deutsche Reich" von 1876 ganz offen, dass der Aufstieg der deutschen Wirtschaft im Grunde auf zwei Pfeiler stehe: der „Nachahmung fremder Erfindungen" und dem niedrigen Arbeitslohn.

          Die Rechnung bekamen die deutschen Industriellen auf der Weltausstellung 1876 in Philadelphia präsentiert. Lediglich die Kanonen aus dem Hause Krupp sowie der Otto-Motor konnten auf dieser World's Fair bleibenden Eindruck hinterlassen. Die übrigen Produkte fielen nur durch schlechte Verarbeitung und technische Mängel auf - die Weltausstellung wurde für das junge Deutsche Reich zu einem Debakel - aus dem man lernte

          Vom Debakel zum Pionier

          Franz Reuleaux, einer der damals führenden deutschen Maschinenbauer, wandte sich noch von der Weltausstellung aus an das deutsche Unternehmertum und forderte eine „Festhaltung des Preises und Steigerung der Qualität". Grundprinzipien, die binnen weniger Jahre zu einem Strukturwandel innerhalb der deutschen Wirtschaft führten.

          Durch die Einführung der Meisterprüfung sowie der Reformierung der Aus- und Weiterbildung kam zum Vorschein, was später als die „Deutschen Tugenden" zum Topos wurde: Gründlichkeit, Genauigkeit, Haltbarkeit, Sauberkeit und Schnelligkeit. Zudem sorgte die Abkehr von der bis dahin noch üblichen manuellen Endbearbeitung hin zur maschinellen für eine Senkung des Arbeitsaufwandes sowie der Lohnkosten. Die für die Massen- und Serienproduktion unbrauchbaren Unikate gehörten somit weitgehend der Vergangenheit an. Darüber hinaus sorgten strenge Produktnormen für eine gleichbleibend hohe Qualität der Produkte.

          Aus den Nachahmern waren technische Pioniere geworden, die nunmehr auf vielen Gebieten den Ton angaben. Noch vor dem ersten Weltkrieg hatte der ehemalige Lehrling Deutschland seinen Lehrmeister überholt. Und das britische Empire verharrte in seinen knöchernden Strukturen. Mit dem Schandmal „Made in Germany" hatte sich die britische Regierung ins eigene Fleisch geschnitten.

          Vom Brandmal zum Gütezeichen

          Denn schon die Weltausstellung 1893 in Chicago verdeutlichte, dass Deutschland die Konkurrenz technologisch überholt hatte - rund 80 Prozent aller von deutschen Herstellern präsentierten Produkte wurde prämiert. Der deutsche Fahrzeug- und Kraftmaschinenbau, die Elektroindustrie, der Maschinenbau und auch die Chemische-Industrie gaben von nun an den Takt an.

          Und auch auf der britischen Insel hatte sich der hohe Standard deutscher Produkte herumgesprochen. In den zehn Jahren zwischen 1883 und 1893 erhöhte sich der Export in das Mutterland der industriellen Revolution um 30 Prozent. Der Export hatte sich zu einer festen Größe in der deutschen Wirtschaft entwickelt.

          Was ursprünglich als Diskriminierung und Brandmal gewertet wurde, entwickelte sich zu einem Gütezeichen. Das Etikett „Made in Germany", dass eigentlich die britische Industrie schützen sollte, half nun deutschen Unternehmern im Kampf gegen Nachahmer und Plagiateure. „Made in Germany“ ist seit dem eine Marke, die bis heute ihren Wert für die deutsche Exportindustrie besitzt. Als Globalplayer tätige deutsche Firmen ersetzen mittlerweile zum Teil die Bezeichnung "Made in Germany" durch die Herkunftsangabe "Made in Europe". Jedoch gibt es weder für die eine, noch für die andere Bezeichnung direkte gesetzliche Regelungen.

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