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Alexander Armbruster (ala.)

Kommentar : Der Techlash

Sieht sein Lebenswerk in Gefahr: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Bild: AP

Facebook und Co. stehen unter ungewohnt großem Druck. Es gibt drei Probleme – und alle sind lösbar.

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          Mit Facebook stimmt was nicht. „Die Welt fühlt sich ängstlich und geteilt, und Facebook hat viel zu tun – ob es darum geht, unsere Gemeinschaft vor Missbrauch und Hass zu schützen, gegen die Beeinflussung von Nationalstaaten zu verteidigen oder sicherzustellen, dass auf Facebook verbrachte Zeit gut verbrachte Zeit ist“, hat Mark Zuckerberg jüngst an die Nutzer geschrieben. Die deutliche Kritik an seiner Schöpfung ging um die Welt, ebenso die Folge: Er hat sich zur persönlichen Herausforderung gemacht, Facebook zu reparieren – zuvor setzte er sich Ziele wie Chinesisch lernen oder 25 Bücher lesen.

          Diese Episode erschließt ein Phänomen, das derzeit nicht allein Zuckerberg und Facebook betrifft: Die Tech-Konzerne stehen unter ungewohnt großem Druck, der sich verschieden ausprägt. Das Bundeskartellamt untersucht, ob Facebook seine Marktmacht missbraucht hat, die israelische Wettbewerbsbehörde durchleuchtet Google und Facebook. Der amerikanische Kongress verhörte Vertreter von Facebook, Twitter und Google über die Einflussnahme Russlands auf die Präsidentschaftswahlen. In Deutschland gilt mittlerweile ein Gesetz (NetzDG), das die Unternehmen verpflichtet, zeitnah und selbständig Hass im Netz einzudämmen. Zudem tritt in der Europäischen Union dieses Jahr die neue Regelung GDPR in Kraft, die auf den Umgang mit personenbezogenen Daten abzielt. Schlussendlich riefen, und das ist wieder ein ganz anderer Fall, zwei Aktionäre den iPhone-Hersteller Apple dazu auf, stärker zu erforschen, ob und wie Handys gerade junge Menschen abhängig machen.

          Drei Antworten auf die Krise

          Als Klammer um die vielen Einzelbeispiele herum macht nun wieder häufiger der Begriff „Techlash“ die Runde – jene Wortschöpfung, die einen Rückschlag für die Technologiebranche und besonders ihre größten Vertreter beschreibt. Der Chef der amerikanischen Handelskammer diagnostizierte ihn in seiner Neujahrsansprache und warnte vor einer „regulatorischen Übertreibung“ in den Vereinigten Staaten und außerhalb. Wie kommt es, dass das Umfeld gerade für die hoch innovative IT-Branche rauher geworden ist?

          Drei Antworten bieten sich an. Die erste und einfachste lautet schlicht: weil die Tech-Konzerne unglaublich erfolgreich sind. Sie machen Angebote, die Milliarden Menschen auf der ganzen Welt nutzen (wollen). Das sind, auch das darf man einmal sagen, betriebswirtschaftlich-technisch geniale Leistungen großer Gründer. Regelmäßige Milliardengewinne haben Apple & Co längst zu den wertvollsten an der Börse notierten Unternehmen gemacht. Das liegt auch daran, und das ist die zweite und kniffligere Antwort, dass ihre Erfindungen interessante ökonomische Eigenschaften aufweisen: Wer etwa die Suchmaschine Google oder Facebook „konsumiert“, schließt währenddessen niemand anderen davon aus, genau dieselben Produkte zu nutzen. Die Herstellung wird umgekehrt umso günstiger, je größer sie ist. Diese Gemengelage wirft oft heikle Wettbewerbsfragen auf, was der leichtere Teil der Angelegenheit ist, weil Antworten lange bekannt und erprobt sind.

          Wachsender Einfluss von „Big Tech“

          Schwerer greifbar, und das ist die dritte Antwort, ist der wachsende Einfluss von „Big Tech“ auf gesellschaftliche Entwicklungen insgesamt. Diskussion und Meinungsaustausch finden innerhalb der Angebote statt, vielfach auch die Information über das Weltgeschehen. Die Gemeinde der monatlichen Facebook-Nutzer etwa ist größer als die Zahl aller Muslime oder Chinesen, die einzigen größeren Gruppen sind die Christen und die Fußballinteressierten. Das soziale Netzwerk ist so einerseits ein privates Unternehmen, zugleich aber auch irgendwie Teil des öffentlichen Raumes. Kein Wunder, dass es sich nicht nur mit Wettbewerbshütern auseinandersetzen muss, sondern eben auch mit Fragen der Meinungsfreiheit und Debattenkultur. Eine hilfreiche Erwartungshaltung für alle Beteiligten kommt von Mark Zuckerberg selbst: „Wir werden nicht alle Fehler oder Missbrauch verhindern können. Aber derzeit machen wir zu viele Fehler, wenn es darum geht, unsere Regeln umzusetzen und den Missbrauch unserer Plattform zu verhindern.“ Die nun von Facebook angekündigte Veränderung des persönlichen Nachrichtenstroms (Newsfeed) ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

          Sehr sicher ist: Die Themen Marktmacht, Falschinformation und Sucht im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken oder Smartphones werden auf der Agenda bleiben. Das zum Beispiel vom früheren Google-Chef Eric Schmidt verwendete Bonmot, wonach die Konkurrenz nur „einen Klick entfernt“ sei, reicht als Entkräftung nicht (mehr). Andererseits ist auch die den großen Tech-Konzernen gerne zugewiesene Allmacht eine Übertreibung. Infolge nicht nur der Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz sind sie einander sogar härtere Wettbewerber geworden – im Bereich der digitalen Assistenten, Cloud-Angebote, Musik- und Videodienste oder mobilen Betriebssysteme. Manchen mag die Moral des Silicon Valley befremden, der großes Zutrauen in die Problemlösefähigkeit von Technologie, Wissenschaft und den Wettstreit um die besten Produktideen zugrunde liegt. Bedrohlich ist sie nicht, im Gegenteil.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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