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Mario Draghi : Mr. Euro vor dem Absprung?

Mario Draghi (rechts) mit Giorgio Napolitano Bild: Getty

Die EZB steht vor dem umstrittenen Massenankauf von Staatsanleihen. Derweil wird in Rom der höchste Staatsposten frei. Das könnte Mario Draghi locken – doch er hat in Frankfurt noch Großes vor.

          Richtig besinnliche Stimmung mag in Europas Zentralbank dieser Tage nicht aufkommen. „Teufelskreis“, ruft EZB-Vize Vítor Constâncio. Er meint die angeblich drohende deflationäre Abwärtsspirale. Auch EZB-Präsident Mario Draghi verfällt in eher düstere Gedanken, wenn er über Europas Wirtschaft und sinkende Preisindizes sinniert. Draghis drittes Jahr als Chef der Europäischen Zentralbank endet mit einer sehr durchwachsenen Bilanz. Aus der erhofften wirtschaftlichen Erholung ist nichts geworden. Die Inflation liegt wegen des Ölpreisverfalls tiefer unter dem EZB-Zielwert, als es die Fachleute im Euroturm für möglich gehalten hatten. Draghi selbst blickt sorgenvoll auf die mittel- und langfristigen Inflationserwartungen, die sich unter die 2-Prozent-Marke geneigt haben.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Der Leitzins steht praktisch bei null, das Pulver der konventionellen Geldpolitik ist restlos verschossen. Immer heftiger wird die Zentralbank nun bedrängt: von Analysten, vom IWF, von der Finanzpresse, wann sie endlich die „quantitative Lockerung“ mit Staatsanleihekäufen starte. Draghi ist dazu fest entschlossen. Nur muss er noch das Problem mit den widerstrebenden Deutschen klären.

          Derweil wird in Draghis Heimat der formal höchste Posten im Staate bald frei. Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano hat vor wenigen Tagen seinen Rückzug angedeutet; der 89-Jährige wird wohl Mitte Januar zurücktreten. Italienische Medien spekulierten im Sommer darüber, ob Draghi sein Nachfolger im Quirinalspalast werden könnte; auch in der deutschen Finanz- und Regierungswelt wurde darüber getuschelt (F.A.Z. vom 14. Juli). Draghi ist mit Napolitano befreundet, sie telefonieren häufiger und treffen sich gelegentlich. In seinem EZB-Büro steht ein Foto von ihm mit Napolitano. Wirklich heimisch ist Draghi in Frankfurt nicht geworden, er fliegt regelmäßig nach Rom und verbringt die Wochenenden in seinem Haus nahe der italienischen Hauptstadt.

          „Er ist jetzt der mächtigste Italiener der Welt, warum sollte er wechseln?“

          Ganz abwegig ist die Überlegung also nicht, dass der EZB-Chef ins höchste italienische Staatsamt wechseln könnte. Die Italiener haben immer wieder Zentralbanker in Regierungs- und Staatsämter gerufen. Aber in Zentralbankkreisen schütteln sie jetzt den Kopf: Draghi würde nicht eine Position mit enormer Gestaltungsmacht gegen ein eher repräsentatives Amt tauschen. „Er ist jetzt der mächtigste Italiener der Welt, warum sollte er in den Quirinale wechseln?“, sagt ein italienischer Wirtschaftsjournalist, der erst kürzlich mit Draghi eine Unterredung hatte. Italiens Medien spekulieren über Romano Prodi, den ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten, als Napolitano-Nachfolger. Der 67 Jahre alte Draghi wird also wohl in Frankfurt bleiben.

          Es stünde ihm auch nicht gut zu Gesicht, in der EZB die Brocken einfach hinzuschmeißen. Nach dem forschen Start im Amt vor drei Jahren, als der Italiener mit der „Dicken Bertha“ die Banken mit Geld überschwemmte und 2012 mit seiner „Whatever it takes“-Rede zum Star der Euroretter und der Finanzmärkte wurde, sind jetzt abermals düstere Wolken über der Währungsunion aufgezogen. Aus „Super Mario“ ist wieder Mario der Klempner geworden, der an klemmenden Finanzinstrumenten herumschraubt.

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