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Maoisten-Guerrilla : Bürgerkrieg in Indien

Bild: F.A.Z.

In den armen Provinzen im Osten wollen Unternehmen Rohstoffe abbauen. Aufständische Maoisten bekämpfen sie und den Staat, die Ureinwohner bleiben auf der Strecke. Doch der Staat findet kein Mittel gegen die Guerrilla.

          Die Anschläge und Massaker, die Maoisten in Indien verüben, erschüttern das Land bis in höchste Regierungskreise. Mitte April hatte die Guerrilla 76 Polizisten einer Spezialeinheit im indischen Dantewada umgebracht. Das Massaker hat eine Debatte über den Stand der Entwicklung Indiens angestoßen. Denn der rohstoffreiche Osten Indiens, wo die Milizen der Maoisten weiter an Boden gewinnen, sieht ganz anders aus als das Bild, das das moderne Indien mit seiner Software- und Automobilindustrie, seinen Hochhäusern und Autobahnen von sich zeichnet.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Maoisten-Guerrilla führt ihren sogenannten Krieg inzwischen in jedem dritten Distrikt Indiens. Seit 2004 ließen dabei mehr als 5000 Menschen ihr Leben. Ministerpräsident Manmohan Singh betrachtet die Aufständischen als die größte Gefahr für die innere Sicherheit.

          Der Angriff auf die Sonderpolizisten wirft ein Schlaglicht auf unterentwickelte Landstriche, die unter dem Druck der Rohstoffindustrie stehen. Zugleich zeigt er eine militante maoistische Bewegung der Naxaliten - benannt nach ihrem Gründungsort, dem Dorf Naxalbari -, die bestens ausgerüstet, straff organisiert und finanzkräftig wie ein Großunternehmen ist. Sie blickt auf eine Geschichte von fast 50 Jahren zurück.

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          Unternehmen müssen Schutzgeld zahlen

          Die Aufständischen haben inzwischen dafür gesorgt, dass eine mehr als 50.000 Quadratkilometer große Dschungelregion im Nordosten praktisch in ihrer Hand ist. Sie umfasst Teile der Bundesstaaten Chhattisgarh, Jharkand und Andhra Pradesh und ist reich an Eisenerz und Bauxit. Offiziell richtet sich der Kampf der Aufständischen vor allem gegen die Errichtung der geplanten Sonderwirtschaftszonen dort. Damit zielen sie auf Unternehmen wie Tata Steel, Jindal Steel & Power oder Vedanta Resources. Es ist ein Kampf der Maoisten gegen die Milliardäre. Zwischen allen Fronten leidet die verarmte Landbevölkerung.

          Analysten schätzen das Imperium der Maoisten auf ein Volumen von 150 Milliarden Rupien (2,5 Milliarden Euro). Der Löwenanteil stamme dabei aus dem rohstoffreichen Bundesstaat Jharkand. Die Naxaliten erheben "Steuern" und erpressen Schutzgelder von Unternehmern. Jeder Sack Reis in ihrer Region kostet eine Sonderabgabe, jede Busfahrt eine Gebühr, jedes Gehalt eine Steuer. Die Sätze sollen zwischen 6 und 10 Prozent schwanken, berichten Kenner der Aufständischen.

          Wird nicht gezahlt, kommt es zu Entführungen. Oder Lastwagen mit Erz und Bauxit, Baufahrzeuge oder Gebäude gehen in Flammen auf. Geld fließt auch über den Schutz des illegalen Anbaus von Cannabis. Besonders perfide erscheint der Regierung in Neu-Delhi, dass ihr Vorzeigeprogramm zur Stützung der Landbevölkerung in falsche Hände gerät: Denn die Naxaliten bekommen in den von ihnen gehaltenen Distrikten auch Geld über das "Gesetz zur Garantie der ländlichen Arbeit", das allen Armen zugedacht ist.

          Bauern werden mit Gehältern gelockt

          Ihre Einnahmen nutzt die hoch organisierte Truppe zum Kauf von Waffen, Medikamenten, Lebensmitteln und für Gehälter. Mindestens 10.000 Kämpfer sollen unter Waffen stehen, weitere 100.000 bilden eine Miliz, die über Nacht eingesetzt werden kann. In Geheimdienstkreisen heißt es, sowohl chinesische Waffenhändler als auch die philippinische Guerrilla unterstützten die Naxaliten. "Der Waffenhandel von China über Myanmar (Burma) muss endlich trockengelegt werden", fordert Brahma Chellaney, Politikwissenschaftler in Neu-Delhi.

          Der Löwenanteil der Waffen der Guerrilla stammt indes aus den Polizei- und Militärdepots, die sie überfällt. Kader sollen regelmäßige Monatsgehälter zwischen 300 und 3000 Rupien erhalten - neben der freien Versorgung. Unter dem Strich bieten die Naxaliten der bäuerlichen Bevölkerung damit durchaus eine attraktive Perspektive. Wie schlecht das Normalleben in diesen Bundesländern aussieht, beweist der Blick auf die Lage der getöteten Polizisten: Sie waren ungeschult und miserabel ausgerüstet im Dschungelkampf verheizt worden. Die meisten der 76 Toten waren innerhalb der acht Stunden, die sich ihre Bergung hinzog, elendig verblutet.

          Militärisch ist die Guerrilla den Truppen, die sie bekämpfen sollen, oft überlegen. Dabei stammen Maoisten-Milizen und die Mitglieder der Central Reserve Police Force (CRPF) meist aus demselben Milieu: Die meisten zählen zur armen Landbevölkerung. Letztlich erscheint es fast zufällig, auf welche der beiden Seiten ein junger Mensch in diesem Teil Indiens gerät. Es ist das Indien der 400 Millionen Menschen, die immer noch unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag vegetieren, keine Arbeit, keine Straßen, Krankenhäuser, Strom, sauberes Wasser und Schulen haben.

          Die Armut ist die Brutstätte für Maoisten

          Die meisten der Familien in der Region rund um Chhattisgarh sind so bitterarm, dass ihnen die Regierung Reis zum Sonderpreis von 1 Rupie (1,6 Eurocent) je Kilogramm zubilligen muss, damit sie nicht verhungern; der Marktpreis in Kalkutta liegt bei mehr als 30 Rupien. Hier findet sich eine ideale Brutstätte für die Maoisten. Zahllos sind die Geschichten, nach denen die Unternehmen mit Hilfe von Polizei und Militär die Bauern um ihr Land betrügen. Ebenso ungezählt sind die Berichte, dass die Naxaliten Mitglieder zwangsweise rekrutieren.

          Dem früheren Finanzminister Palaniappan Chidambaram obliegt es als Innenminister, den Kampf gegen die Guerrilla zu führen. Im vergangenen Jahr hat er die Operation "Grüne Jagd" ausgerufen, um den Aufstand innerhalb von "zwei bis drei Jahren" zu beenden - bislang ohne Erfolg. Im Gegenteil: Auf der Strecke könnten die Ureinwohner der Region bleiben, die zwischen Naxaliten und Staatsgewalt aufgerieben werden. Führende Intellektuelle Indiens wie die Schriftstellerin Arundhati Roy, aber auch Menschenrechtler wie Bianca Jagger haben zur Unterstützung der Ureinwohner aufgerufen. "Die Operationen gegen die Naxaliten zielen darauf ab, die Ureinwohner auszurotten und den Unternehmen das Waldland in die Hände zu spielen, damit sie dort Rohstoffe abbauen können", heißt es in ihrem Manifest. "Es geht um Rohstoffverträge im Wert von Milliarden Dollar. Die Regierung will Krieg gegen die Naxaliten. In Wirklichkeit bereitet sie damit den Konzernen den Weg", warnt Roy. Immer deutlicher wird, dass die größte Demokratie der Erde den Kampf mit Feuerkraft kaum wird gewinnen können. Dabei haben die Naxaliten ihr größtes Pfund noch gar nicht ausgespielt: Sie könnten ihren bewaffneten Kampf in die Städte tragen.

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