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Mannesmann-Prozeß : Sieg ohne Victory-Zeichen

So sehen Sieger aus: Josef Ackermann (links) und Klaus Esser Bild: AP

Die Verschwörungstheorien der Staatsanwaltschaft gehören jetzt der Vergangenheit an. Damit scheint die Welt der Deutschland AG wieder in Ordnung zu sein: Der Mannesmann-Prozeß.

          5 Min.

          So sehen Sieger aus. Lachend, entspannt, selbstbewußt. Es ist zehn vor neun, als Josef Ackermann, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, den turnhallengroßen Schwurgerichtssaal L 111 im Düsseldorfer Landgericht betritt. Die anderen Angeklagten sind schon da. Klaus Esser, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Mannesmann, spricht mit seinem Strafverteidiger. Esser steht mitten im Gerichtsaal mit durchgedrücktem Kreuz, die Arme vor der Brust verschränkt, als wolle er seine Siegeszuversicht demonstrieren - "Seht her, ich bin unschuldig".

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Kurz darauf begrüßt er Klaus Zwickel, den einstmals mächtigen IG-Metall-Vorsitzenden, mit Handschlag. Beide reden miteinander wie alte Freunde. Und wenn man sie sieht, könnte man tatsächlich an Kumpanei im Mannesmann-Konzern glauben. Denn allzu großzügig sollen die Angeklagten um Aufsichtsratschef Joachim Funk 60 Millionen Euro an Top-Manager und Mannesmann-Pensionäre verteilt haben. Doch schon in wenigen Minuten sollen sie freigesprochen werden vom Vorwurf der schweren Untreue.

          Die Arroganz der Macht

          Gleich der zweite Satz der Vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer gibt ihnen die Gewißheit: "Die Angeklagten werden freigesprochen." Es ist der Satz, auf den vor allem Josef Ackermann nach der Prozeßeröffnung am 21. Januar ein halbes Jahr gewartet hat. Keiner stand so im Zentrum des öffentlichen Interesses wie er, der einflußreichste Vertreter der deutschen Wirtschaft. Keiner hatte auch so schnell das Mißtrauen der Bevölkerung auf sich gezogen, wie der Deutsche-Bank-Chef, der mit seinem unbedachten Victory-Zeichen gleich am ersten Verhandlungstag einen Sturm der Entrüstung auslöste.

          Von der Arroganz der Macht war die Rede. Über Gier und Anstand wird bis heute diskutiert. Und Erinnerungen an Ackermanns Vorvorgänger Hilmar Kopper wurden wach, der vor zehn Jahren mit seinem "Peanuts"-Spruch über unbezahlte Handwerkerrechnungen bei der Immobilienpleite des Jürgen Schneider die Öffentlichkeit in Rage brachte. Ein PR-GAU für die Deutsche Bank. Um kurz nach neun ist ihr aktueller Vorstandssprecher erlöst. Die Börse reagiert freundlich, der Aktienkurs steigt. Ackermann lächelt zufrieden. Das Victory-Zeichen verkneift er sich diesmal. Die Welt der Deutschland AG scheint wieder in Ordnung.

          Souverän über die Bühne gebracht

          Doch die resolute Richterin rückt in ihrer Urteilsbegründung die Verhältnisse zurecht. "Das Gericht muß Straftaten beurteilen, nicht unternehmerische Entscheidungen oder gar die deutsche Unternehmenskultur. Schon gar nicht beurteilt es moralische oder ethische Fragen", sagt Koppenhöfer. Sie trägt eine Lesebrille, über die sie oft hinüberschaut, und den Angeklagten ab und zu einen strengen Blick zuwirft. In einer kurzen, vierminütigen Rede findet sie persönliche Worte, schildert, wie während des Mannesmann-Verfahrens von allen Seiten massiv versucht wurde, Einfluß zu nehmen auf das Urteil. "Mit Schmährufen habe ich gerechnet. Nicht aber mit Telefonterror."

          Die 52 Jahre alte, ehemalige Jugendrichterin sagt das emotionslos. Sie will kein Mitleid. Den größten Wirtschaftsprozeß der deutschen Nachkriegszeit, diese Gewißheit hatte sie schon vor dem letzten Verhandlungstag, hat sie souverän über die Bühne gebracht. Koppenhöfer hielt auch dem politischen Druck stand. Beinahe genüßlich beschreibt sie, wie sich "Politiker jeglicher Couleur" zu Rechtsexperten aufspielten, entweder die überbezahlten Manager an den Pranger stellten, oder sich um den Wirtschaftsstandort Deutschland sorgten, weil die Elite des Landes vor Gericht saß. Und dann ist die Ironie in ihrer Stimme nicht zu überhören, als sie erzählt, wie "eine ausländische Wirtschaftszeitung" (gemeint ist die "Financial Times") Deutschlands Wirtschaft in großer Gefahr wähnte, "nur weil die Zeitung die Akkreditierungsfrist versäumte" und für den Prozeß damit - zunächst - nicht zugelassen war.

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