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Akuter Mangel an Raketen : Europas Raumfahrt steckt in der Krise

  • -Aktualisiert am

Abschussbereit: Vega-C-Rakete im vergangenen Juli Bild: dpa

Während Elon Musk immer mehr Satelliten ins All schießt, steckt Europas Raumfahrt im Krisenmodus. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht.

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          Erfolgreich sind in der vergangenen Woche vier Astronauten mit einer Falcon-9-Trägerrakete des US-Herstellers Space-X zur Raumstation ISS geflogen. Derweil steckt Europas Weltraumorganisation ESA weiter im Krisenmodus. Im Dezember war es kurz nach dem ersten kommerziellen Start der mittelgroßen Trägerrakete Vega C zu einem Druckabfall in einer Triebwerkskammer gekommen.

          Die Mission scheiterte, zwei Erdbeobachtungssatelliten des Kunden Airbus gingen verloren. Der am Freitag von der ESA und dem Raketenstartvermarkter Ariane­space vorgelegte Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission resümiert, dass die Auskleidung eines Schubdüsenhalses aus ukrainischer Fertigung Druck und Hitze nicht standhielt.

          Für die Raumfahrt der Europäer ist der Fehlschlag von Vega C in vielerlei Hinsicht delikat. Schon seit Monaten mangelt es ihnen an Trägerraketen, um Satelliten für wissenschaftliche, aber auch allerhand zivile und militärische Zwecke in den Erdorbit zu schießen. Auf gerade einmal fünf Starts kamen sie im vergangenen Jahr, während die Russen 22, China 61 und die USA 78 schafften, davon allein 61 mit der Falcon 9 von Space-X.

          Das Scheitern wird Fragen auf

          Grund ist, dass die Produktion des Vega-C-Vorgängers Vega genauso wie der großen Trägerrakete Ariane 5 eingestellt – es verblieben jeweils nur noch zwei Starts – und der für 2020 geplante Erstflug der neuen Ariane 6 wegen der Corona-Pandemie und technischer Schwierigkeiten auf Ende 2023 verschoben wurden. Erschwerend hinzu kam Moskaus Rückzug aus der Raumfahrtkooperation, sodass die ESA nicht mehr die Sojus-Trägerraketen aus russischer Fertigung nutzen kann. All das bedeutet, dass Kunden monatelang vertröstet werden müssen.

          Auf Vega C ruhten große Hoffnungen. Unter anderem sollte sie als mittelgroße Trägerrakete bis zur Indienststellung der Ariane 6 einen Teil der Lücke füllen. Der jüngste Absturz hat aber auch diesen Zeitplan durcheinandergewirbelt. Die Wiederaufnahme von Vega‑C-Starts sei nun erst für Ende dieses Jahres geplant, teilte die ESA am Freitag mit. Immerhin: Eine der beiden verbleibenden, eigentlich für 2024 vorgesehenen Starts mit dem Vorgängermodell Vega soll vorgezogen werden.

          ESA und Ariane­space datierten ihn auf „vor Ende Sommer 2023“. Doch das Scheitern im Dezember wirft auch Fragen nach der Qualitätssicherung auf. Gefertigt vom italienischen Unternehmen Avio, war es schon bei der seit 2012 eingesetzten Vega zu zwei Fehlschlägen und einem Teilerfolg bei insgesamt 20 Starts gekommen. Unklar bleibt insbesondere, ob Avio die problematische Schubdüse tatsächlich nur vom ukrainischen Hersteller Juschnoje in ausreichender Menge beziehen konnte.

          „Der autonome Zugang steht auf dem Spiel“

          Wie die ESA am Freitag mitteilte, arbeite Avio nun an einer „sofort einsetzbaren Alternativlösung“. Diese sieht vor, die Schubdüse an der Vega C auszutauschen und künftig wie früher durch den Ariane-6-Hersteller Arianegroup fertigen zu lassen.

          Laut der Wirtschaftszeitung „Les Échos“ gibt sich die französische Raumfahrtagentur CNES damit aber nicht zufrieden, sondern fordert auch eine interne Untersuchung bei der ESA. „Wir haben eine Situation, in der für eine kurze Phase Europas autonomer Zugang ins All auf dem Spiel steht“, gestand ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher am Freitag im Gespräch mit der F.A.Z. ein.

          Er betonte aber, intensiv daran zu arbeiten, um diesen „schnellstmöglich“ wiederherzustellen. Dazu gehöre die zügige Inbetriebnahme von Vega C und Ariane 6, aber auch durch die Förderung neuer Miniträgerraketen, sogenannter Microlauncher. Hier sind vor allem deutsche Start-ups wie Isar Aerospace und die Rocket Factory Augsburg aktiv. „Mittel- bis langfristig müssen wir den Launchersektor neu aufstellen“, sagte Aschbacher.

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