https://www.faz.net/-gqe-9b1p3

Mangel an Pädagogen : Lehrer braucht das Land!

  • -Aktualisiert am

Tatort Klassenzimmer: Viele Berufsschüler haben schon sexuelle Gewalt erlebt. Bild: dpa

Dürfen Lehrer streiken? Am Dienstag entscheidet das Bundesverfassungsgericht darüber. Der Staat verfällt indes angesichts des Lehrermangels in einen alten Reflex. Keine gute Idee.

          7 Min.

          Hinter vielen Schultüren spielt sich gerade Dramatisches ab. Die Abiturienten im ganzen Land stehen kurz vor ihrer mündlichen Prüfung oder haben sie gerade hinter sich gebracht. Es ist die letzte Möglichkeit, der Note noch einen Schubs zu geben. Niemals war das wichtiger als heute, jedes zweite Studienfach hat Zulassungsbeschränkungen. Hinzu kommt: Für viele ist es die erste große Prüfung in ihrem Leben. Es ist eine Zeit voller Anspannung und Nervosität. Und es wäre die beste Zeit für einen kleinen Streik.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zu keinem anderen Zeitpunkt könnten Lehrer mit relativ geringem Aufwand so viel erreichen. Lehrer verfügen über eine ungeahnte und bisher kaum eingesetzte Machtfülle. Sie müssten nur in diesen Wochen die Arbeit verweigern und sich stattdessen mit ihren Transparenten vor dem Schultor versammeln. Es gibt so einige Forderungen, die auf diesen Transparenten stehen könnten: kleinere Klassen. Mehr Unterstützung bei der Integration von Flüchtlingen und behinderten Kindern. Ein Ende der befristeten Arbeitsverträge für Lehrer. Die Empörung der Schüler und ihrer bildungsversessenen Eltern könnte man sich lebhaft vorstellen.

          Es gibt nur eine Institution, die das verhindern kann: das Bundesverfassungsgericht. Die höchsten Richter im Land werden am Dienstag ein Urteil fällen: Dürfen verbeamtete Lehrer streiken? Dazu muss man wissen: Derzeit besteht ein eisernes Streikverbot für alle Staatsbeamten. Davon gibt es 1,8 Millionen in Deutschland, auch in Bereichen, die weit weg von klassischen Hoheitsaufgaben sind. Dass Polizei und Feuerwehr diese Stellung brauchen, mag man kaum bestreiten können. Aber Förster? Vermessungstechniker? Bibliothekare? Meteorologen? Professoren? Und, ja, auch Lehrer?

          Wie sinnvoll ist es, Lehrer als Beamte zu beschäftigen?

          Das Beamtentum ist etwas ganz Besonderes: Geschaffen wurde es im 18. Jahrhundert vom preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm I., dem berüchtigten „Soldatenkönig“. Mit einer kleinen Truppe von Privilegierten wollte er die Macht des korrupten Landadels brechen. Beamte bekommen keinen Arbeitsvertrag, sondern eine Ernennungsurkunde. Sie geloben, treu, loyal und gehorsam ein Leben lang dem Staat zu dienen. Im Gegenzug bekommen sie die ganze Fürsorglichkeit des Staates zu spüren. Üppige Kranken- und Rentenversorgung sind die bekanntesten Vorzüge, die Unkündbarkeit kommt obendrauf.

          Doch das Streikverbot ist in Misskredit geraten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hält die Möglichkeit, in den Ausstand zu treten, für ein fundamentales Recht aller Beschäftigten, das man nicht ohne weiteres streichen kann. Dem schließt sich die Lehrergewerkschaft GEW an. Sie hat die Frage jetzt vor das Bundesverfassungsgericht gebracht, um eine Grundsatzentscheidung zu erreichen.

          Luftballons der Lehrergewerkschaft GEW bei einer Protestaktion von Lehrern und Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes in Mecklenburg-Vorpommern.
          Luftballons der Lehrergewerkschaft GEW bei einer Protestaktion von Lehrern und Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes in Mecklenburg-Vorpommern. : Bild: dpa

          Dabei stellen sich vor allem zwei Fragen: Ist es rechtens und mit der Verfassung vereinbar, dass sich der Staat über die Alimentierung seiner Beamten deren unbedingte Loyalität erkauft? Und, viel grundsätzlicher: Wie sinnvoll ist es, Lehrer als Beamte zu beschäftigen?

          Der Anteil der verbeamteten Lehrer steigt

          Die erste Frage lässt sich aller Voraussicht nach einfach beantworten. Die Verfassungsrichter haben die Frage in einer mündlichen Verhandlung vor ein paar Monaten intensiv verhandelt. Kaum ein Prozessbeobachter rechnet mit einem fundamentalen Wechsel des Systems. Umfassende Alimentierung plus umfassendes Streikrecht – das wäre zu viel des Guten.

          Viel interessanter ist die zweite Frage, nach Sinn und Zweck des Beamtenstatus für die Lehrer. Sie rückt derzeit freilich in den Hintergrund, denn in Deutschland gibt es einen überraschenden Trend: Der Anteil der Beamten unter den Lehrern sinkt nicht etwa, er steigt schier unaufhaltsam an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unterschiedliche Sicht: Prinz Harry (links) und Prinz William am 1. Juli bei der Enthüllung eines Denkmals zu Ehren ihrer Mutter, Prinzessin Diana, in London

          Prinz Harrys Autobiographie : Die nächste Spitze

          20 Millionen Dollar soll Prinz Harry für ein Buch angeboten bekommen haben. Die Ankündigung einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie weckt Befürchtungen über neuen Zwist in der Königsfamilie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.