https://www.faz.net/-gqe-6zd3a

Managergehälter : Höher geht’s immer

  • -Aktualisiert am

Teile der Regierungskommission für gute Unternehmensführung fürchten, „schon wieder Regeln von der Politik vorgesetzt“ zu bekommen, sollte die Managerelite nicht von sich aus Gehaltsobergrenzen einführen. Bild: REUTERS

Die Gehälter von Managern stehen in der Kritik, der Ruf nach mehr Bescheidenheit wird lauter. Auch der Vorsitzende der Regierungskommission für gute Unternehmensführung wirbt nun für freiwillige Gehaltsobergrenzen. Die könnten aber auch das Gegenteil des Erhofften bewirken.

          3 Min.

          In Deutschlands Konzernen macht sich Angst breit. Angst vor der Öffentlichkeit, die kein Verständnis für die Millionen-Gehälter von Vorständen hat. Und Angst vor der Politik, die darauf mit neuen Gesetzen reagieren könnte. Klaus-Peter Müller hat nun die Flucht nach vorne angetreten. Der Vorsitzende der Regierungskommission, die alljährlich den Deutschen Corporate Governance Kodex überarbeitet, hat den Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen zusammen mit seinem Kommissionskollegen Manfred Gentz einen Warnbrief geschickt. „Nicht verwunderlich“ sei die Empörung, schreiben sie darin. „Insbesondere Medienvertreter und Gewerkschaftsfunktionäre“ monierten den zweistelligen Anstieg der Bezüge von Vorstandsvorsitzenden. Dagegen seien einer Studie der Unternehmensberatung Towers Watson zufolge die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer im Schnitt nur um 3,3 Prozent gestiegen.

          Größere Bescheidenheit angemahnt

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ihnen beiden sei zwar völlig klar, so die Kodexverfasser, dass in den kritisierten Summen auch Beträge enthalten seien, die wegen Malusregelungen erst Jahre später ausgezahlt werden könnten - „wenn überhaupt“. Auch sei ihnen bewusst, das die Entscheidung über die Gesamtbezüge von Vorständen zu den „kardinalen Rechten und Pflichten“ eines Aufsichtsrats gehörten. Diese solle nicht abhängig sein von Meinungen beispielsweise in der Presse. Aber Deutschlands oberster Repräsentant der Ziele guter Unternehmensführung und sein Mitstreiter machen klar: Aus ihrer Sicht müssen sich die Unternehmenslenker in größerer Bescheidenheit üben.

          Anlass für das Schreiben ist die zurückliegende Gehaltsberichtssaison, in der vor allem ein Name besonders heraussticht: Martin Winterkorn. Der Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns hat im vergangenen Jahr inklusive Sonderzahlungen 17,5 Millionen Euro verdient - 8 Millionen Euro mehr als 2010 und so viel wie kein Chef eines Dax-30-Unternehmens vor ihm. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann kam auf 9,4 Millionen Euro, auch Siemens-Chef Peter Löscher und Daimler-Chef Dieter Zetsche blieben knapp unter der 10-Millionen-Euro-Marke.

          Marktwirtschaftliche Systeme brauchen Akzeptanz

          Es erfülle sie mit Sorge, begründen Müller und Gentz ihren Appell, dass „schon wieder Stimmen - auch im politischen Lager - laut werden, die Regelungen im Kodex oder gar im Gesetz verlangen“. Dieser Hinweis entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Der Rechtsprofessor Theodor Baums - selbst Mitglied der Kodexkommission - hat kürzlich ausdrücklich eine Gesetzesänderung verlangt. Baums wandte sich zwar gegen Vorschläge, eine Obergrenze für Managergehälter ins Aktiengesetz zu schreiben oder einen Faktor, um den die Vorstandsvergütungen höchstens von den Gehältern der Mitarbeiter abweichen dürfen. Doch sollten nach Baums’ Vorschlag Jahresbezüge von 5 Millionen Euro und mehr von einer Zustimmung der Aktionäre auf der Hauptversammlung abhängen.

          Müller und Gentz machen sich jetzt für einen anderen Weg stark: Die Aufsichtsräte selbst sollten direkt in die Vergütungssysteme ihrer Vorstände eine Obergrenze einziehen. Auch könnten - soweit noch nicht geschehen - in anderer Weise „Caps“ in die Vorstandsverträge aufgenommen werden. Höhe und Angemessenheit müssten „natürlich“ im Ermessen der Kontrollgremien liegen, versichern sie: „Wir sollten uns aber immer wieder klarmachen, dass auch und gerade marktwirtschaftliche Systeme des Verständnisses und der Akzeptanz der Gesellschaft bedürfen.“

          Die Grenze als Ziel

          Auf Vergütungsfragen spezialisierte Unternehmensberater wie Michael Kramarsch von Hostettler, Kramarsch & Partner wundern sich über solche Forderungen. „Nahezu jedes Unternehmen hat inzwischen einen Cap in seinen Vergütungssystemen“, sagt Kramarsch. Die Allianz zum Beispiel legt in ihrem Geschäftsbericht dar, dass sich die Vergütung eines ordentlichen Vorstandsmitglieds zwischen 700.000 Euro (nur Fixgehalt) und 4,2 Millionen Euro (mit maximalem Bonus) bewegt. Viele Unternehmen arbeiten in der Begrenzung mit sogenannten Zielwerten. Es wird eine bestimmte „Zielvergütung“ festgelegt, die der Manager dann erhält, wenn er die vorher vereinbarten Ziele erreicht. Läuft es besser, steigt der Bonus, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Henkel zum Beispiel deckelt die variable Vergütung bei 250 Prozent des Zielwertes. Bei Daimler heißt es im Vergütungsbericht, der Jahresbonus sei nach oben begrenzt auf das Zweifache des Grundgehalts. Volkswagen verweist dagegen nur darauf, dass der Aufsichtsrat im Fall außergewöhnlicher Geschäftsentwicklungen eine Begrenzung der variablen Vergütung vornehmen kann.

          Ralph Lange, Vergütungsberater bei Towers Watson, ist kein Freund absoluter Obergrenzen. „Es besteht die Gefahr, dass diese Grenze dann als Ziel angesehen wird und sich die Vergütung in diese Richtung entwickelt.“ Der Manager des britischen Pensionsfonds Hermes, Hans-Christoph Hirt, regte kürzlich an, stärker die Gehaltsspanne innerhalb eines Unternehmens in den Blick zu nehmen. Diese dürfe nicht zu groß werde. EU-Kommissar Michel Barnier erwägt, in Banken ein festes Verhältnis zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Gehalt zu setzen. „Die Unternehmen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, sagt Hirt. Die Aufsichtsräte dürften das schon geahnt haben - der Brief von Müller und Gentz hat es ihnen noch einmal vor Augen geführt.

          Weitere Themen

          NRA beantragt Gläubigerschutz Video-Seite öffnen

          Waffenlobby : NRA beantragt Gläubigerschutz

          Die einflussreiche Waffenlobbyorganisation National Rifle Association geht in den Konkurs. Damit will die NRA nach eigenen Angaben einem drohenden Auflösungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft an ihrem Sitz in New York entgehen

          Topmeldungen

          Nach Wahl Laschets : Söder hat keine Eile in Sachen Kanzlerkandidatur

          Bayerns Ministerpräsident warnt nach dem CDU-Parteitag vor einem „Frühstart“ bei der K-Frage und nennt einen geeigneteren Zeitpunkt. Die Grünen machen klar, dass sie im Wahlkampf trotz Aussichten auf eine Koalition die Unterschiede zur Union betonen wollen.
          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.