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Managergehälter : Auf Garantieboni verzichten

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Die seit mehr als einem Jahr angekündigten neuartigen Vergütungssysteme sind die Banken bis auf wenige Ausnahmen bislang schuldig geblieben. Wichtig in der Debatte ist vor allem: Variable Vergütungen sollten das bleiben, was sie dem Wortlaut nach sind. Eine Variable.

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          Bald beginnt für Banker wieder die aufregendste Zeit des Jahres: In einigen Wochen stehen die „letter days“ an, jene mit Spannung erwarteten Tage, an denen ein Mitarbeiter nach dem anderen zu seinem Vorgesetzten gerufen wird und einen schlichten Briefumschlag überreicht bekommt, in dem die voraussichtliche Höhe seines Bonus vermerkt ist. Eines zeichnet sich jetzt schon ab: Auf den Fluren dürften danach viele erfreute Gesichter zu sehen sein. Die Gewinne der Unternehmen sprudeln wieder, die Boni auch.

          Zwar hat die amerikanische Regierung kürzlich beschlossen, die Vergütung der Spitzenmanager in staatlich gestützten Unternehmen um mehr als die Hälfte zu kürzen. Sie hat damit ein Zeichen gesetzt in der seit Monaten währenden Diskussion um angemessene Managergehälter. Doch jenseits der Unternehmen, die der Staat gerettet hat, geht das alte Spiel weiter. Schätzungen zufolge geben die größten amerikanischen Banken in diesem Jahr 140 Milliarden Dollar für die Bezahlung ihrer Mitarbeiter aus – mehr als je zuvor. Und Personalberater berichten, dass allerorten wieder eifrig Garantieboni gezahlt werden, um Mitarbeiter zu einem Wechsel ihres Arbeitgebers zu bewegen. War da nicht was? Finanzkrise? Reue? Die Einsicht, dass die exorbitanten Vergütungen ihren Teil zur Krise beigetragen haben?

          Banken sind neuartige Vergütungssysteme schuldig geblieben

          Fest steht: Die seit mehr als einem Jahr angekündigten neuartigen Vergütungssysteme sind die Banken bis auf wenige Ausnahmen bislang schuldig geblieben. Überall betont man zwar, dass an neuen Strukturen gearbeitet werde, aber von kosmetischen Änderungen abgesehen, ist bislang wenig passiert. Die Beteuerungen aus manchen Häusern, dass ohnehin auch heute schon ein Teil der Boni erst mit einigen Jahren Verzögerung und in Form von Aktien ausgezahlt werde, mögen stimmen. Aber sie ändern nichts daran, dass die variablen Bezüge noch immer den Löwenanteil der Vergütungspakete ausmachen. Und es hat nicht den Anschein, als ob an diesem Prinzip irgendjemand etwas ändern will.

          Es wäre lobenswert, wenn sich die Verantwortlichen einmal an die Ursprünge der variablen Bezahlung erinnerten. Als in den achtziger Jahren das Prinzip der erfolgsabhängigen Vergütung zuerst in Nordamerika und später dann auch in Europa etabliert wurde, ging es darum, die Mitarbeiter zu motivieren, sich über das normale Maß hinaus für ihren Arbeitgeber einzusetzen. Wer besonders erfolgreich arbeitet, soll mit einem Gehaltsplus belohnt werden, so der Grundgedanke. Doch aus dem kleinen Extra ist im Laufe der Jahre das beherrschende Vergütungselement geworden.

          Boni sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden

          Schlimmer noch: Boni sind vielfach zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Mit der einstigen Kopplung an den Erfolg nimmt man es heute nicht mehr so genau. Insbesondere Garantieboni, das beliebteste Lockmittel im Kampf um die angeblich besten Talente auf der Welt, haben in einem seriösen Vergütungssystem jedoch nichts zu suchen. Weder für mehrere Jahre – wogegen sich auch die Politiker auf dem Weltfinanzgipfel in Pittsburgh Ende September aussprachen – noch für ein Jahr.

          Schon das Konstrukt ist ein Widerspruch in sich. Auf welcher Grundlage kann ein Unternehmen allen Ernstes einen Bonus festlegen, bevor der Mitarbeiter überhaupt etwas geleistet hat? Garantieboni sind nichts anderes als Festgehälter. Doch weil letztere um des lieben Friedens willen nicht zu hoch ausfallen sollen, werden Prämien für alles Mögliche erfunden – fürs Kommen, fürs Dasein, fürs Bleiben, fürs Gehen. Schriftlich fixiert, im Ernstfall einklagbar. Mit dem ursprünglichen Bonusgedanken hat das nichts mehr zu tun.

          Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, Boni komplett abzuschaffen, auch wenn viele Wissenschaftler derzeit mit Studien von sich reden machen, dass ein Festgehalt plus einige lobende Worte zur Motivation völlig ausreichten. Banker sind geldgetrieben, daran wird sich nichts ändern. Wer den Arztberuf ergreift, macht das auch, weil er Leben retten will. Künstler ziehen ihre Befriedigung aus ihrem Werk. Aber kaum einer wird es als sein persönliches Lebensglück bezeichnen, täglich zehn Stunden oder mehr vor dem Computer zu sitzen und Aktien, Anleihen oder Derivate zu handeln. Die Höhe des Einkommens stiftet Erfüllung, ist Gradmesser des eigenen Erfolgs. Nirgendwo gilt das so sehr wie für die Mitarbeiter von Banken.

          Es ist deshalb richtig, einen Teil der Bezüge an Umsatz, Gewinn oder Aktienkursentwicklung zu koppeln. Aber diejenigen, die Arbeitsverträge verhandeln, sollten dabei mit Maß vorgehen. Es sollte sich um den kleineren Teil der Bezüge handeln. Es sollte nicht dazu führen, dass im Gegenzug die ohnehin schon hohen Fixgehälter steigen. Und es sollte sichergestellt sein, dass variable Vergütungselemente das bleiben, was sie dem Wortlaut nach sind: eine Variable. Ein Verzicht auf Garantieboni wäre mehr als nur ein weiteres Zeichen in einer hitzigen Debatte. Dies wäre endlich ein Symbol für ein nachhaltiges Umdenken.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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