https://www.faz.net/-gqe-9ymqa

Mallorca in der Corona-Krise : Sicherheitsabstand am Buffet

Mit einem Absperrband der Polizei ist der Zugang zu einem Strand auf der Insel Mallorca abgesperrt. Bild: dpa

Auf Mallorca herrscht gespenstische Leere – und kein Ende ist in Sicht. Die von den Deutschen heiß geliebte Urlaubsinsel stellt sich auf eine außergewöhnliche Saison ein.

          3 Min.

          So wenige Flugzeuge sind noch nie auf Mallorca gelandet, seit Pauschalreisende die Strände dort für sich entdeckten. Der Flugverkehr auf den Balearen-Inseln ist um 99 Prozent eingebrochen. In der Hochsaison wird der Flughafen von Palma de Mallorca kaum mit den Touristenmassen fertig, wenn fast 200.000 Passagiere am Tag landen oder starten. Am 31. März fertigte man 380 Flugreisende ab. Seit in Spanien der Alarmzustand gilt, sind die Balearen fast nicht mehr zu erreichen. Die Touristen sind fort, Flüge und Fähren auf ein Minimum reduziert. Die Zahl der Corona-Infektionen blieb so im Vergleich zu Regionen wie Madrid und Katalonien niedrig. Mehr als 1773 positiv getestete Personen und 155 Verstorbene waren am Montag auf Mallorca registriert. Doch die Wirtschaft zahlt dafür einen hohen Preis: Die Insel ist vom Tourismus abhängig, vor Ostern fiel mit der Semana Santa der erste Saisonhöhepunkt aus. Aber das ist erst der Anfang.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Joan Trian Riu, Geschäftsführer der Riu-Hotelgruppe, hält schon die gesamte Saison auf den Balearen und in Andalusien für so gut wie verloren. Er spricht von einem „Winterschlaf“, dessen Dauer niemand absehen könne. Reisebeschränkungen sind nur ein Grund, Spanien müsse international Vertrauen zurückgewinnen, das Land müsse ein „Bild der Sicherheit vermitteln und dass man die Situation unter Kontrolle hat“. Auch die spanische Außenministerin Arancha González Laya mahnt vor übereilter Zuversicht. „Niemand kann heute verlässlich sagen, wann der Tourismus wieder beginnen wird. Wir kennen das Virus immer noch nicht wirklich und müssen deshalb vorsichtig bleiben“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. Die spanische Regierung sieht besonders für den Tourismus „enorme Schwierigkeiten“ und erwartet, dass er zu den letzten Branchen gehören wird, die sich vielleicht gegen Jahresende wieder langsam normalisieren werden.

          Kampagne für Heimaturlaub

          Doch dann ist die Saison vorbei. „Wir werden wohl eine behutsame Rückkehr des Tourismus von August an erleben“, meint der balearische Tourismusminister Iago Negueruela etwas zuversichtlicher, auch wenn der Andrang der Gäste „winzig“ sein und in den folgenden Monaten gleich wieder abnehmen werde. Im vergangenen Jahr kamen 15 Millionen Besucher auf die Balearen. Deutsche waren auf Mallorca die größte Gruppe. Nun wird auf den Inseln mit einem Rückgang des Bruttosozialprodukts um knapp ein Drittel gerechnet, dreißig Prozent der Arbeitsplätze (fast 150 000) könnten verlorengehen. Der Reiseunternehmerverband Exceltur befürchtet in ganz Spanien für 2019 Einnahmeverluste von mehr als 90 Milliarden Euro – es wäre das schlechteste Jahr in der Geschichte. Das gilt vor allem für die ausländischen Gäste. Am Sonntag gab es aus ganz Spanien nur zwei Flüge nach Deutschland, wo in kaum mehr als zwei Monaten die ersten Sommerferien beginnen.

          Spanien sucht sein Heil in der Kampagne „#quedateenEspaña“ (Bleib in Spanien!). Pedro Homar von der Tourismusstiftung der Inselhauptstadt Palma sagte in einer Online-Konferenz des Travel Industry Clubs, man habe einen Neustart zum Sommer noch nicht abgeschrieben. Man erwarte aber eine „Verschiebung bei den Gästegruppen“. Spanier vom Festland sollen zumindest ein Teil des Geschäfts retten, wenn für sie Beschränkungen wieder gelockert werden. Bis Briten und Deutsche wiederkommen, wird es wahrscheinlich längere Zeit dauern. Für Pauschalreiseanbieter droht Spanien, das Flugreiseziel Nummer eins der Deutschen, auszufallen. 2019 führte laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen jeder achte von knapp 71 Millionen Haupturlauben deutscher Kunden in dieses Land.

          Zwei Meter zwischen den Handtüchern

          Nun bleibt auch für TUI, Marktführer für Spanien-Reisen, Ungewissheit. Hubert Kluske, Vertriebschef für Deutschland, sagt lediglich: „TUI ist aktuell bereits mit den Regierungen vieler Urlaubsländer im Gespräch, die sich jetzt auf den Urlaub nach Corona so gut wie möglich vorbereiten und alles tun, damit die Gäste bald zurückkehren können.“ Doch auch für Spanier fehlen aktuell die Flugverbindungen und Anreize. Der balearische Reisebüroverband Aviba hat schon vorgeschlagen, allen Spaniern den Residentenrabatt von 75 Prozent des Ticketpreises zu gewähren, den sonst nur Bewohner der Inseln erhalten.

          Mallorca stellt sich auf eine außergewöhnliche Saison ein, in der sogar an den Stränden der Mindestabstand eingehalten werden muss, wie die Regierung in Madrid bereits klarstellte. Zwei Meter zwischen den Handtüchern am Strand sei „Science Fiction“, heißt es beim spanischen Hotelverband, dessen Mitglieder vor vielen ungeklärten Fragen stehen: Eine Körpertemperaturkontrolle am Hoteleingang oder Kellner mit Mundschutz erscheinen vielen als Graus. Offen ist auch, wie viele ihrer Zimmer Hoteliers höchstens vergeben sollten, um Gästen das Abstandhalten zu erleichtern. Ebenso wird diskutiert, ob Essen besser am Tisch serviert werden soll oder ob Abstandsmarkierungen an Buffets helfen.

          Weitere Themen

          Willkommen im Vereinshaus

          Clubhouse-App : Willkommen im Vereinshaus

          Die Berliner Blase hat ein neues Spielzeug: Die Plauder-App Clubhouse verspricht Zerstreuung in schwierigen Zeiten. Ist der Hype von Dauer?

          So funktioniert die Maskenhalterung Video-Seite öffnen

          Kreativer Friseur : So funktioniert die Maskenhalterung

          Unverhofft wurde Enzo Olizzo zum Erfinder. Der Inhaber eines Friseursalons und seine Kunden störten gleichermaßen die Gesichtsmasken – also dachte er sich eine Halterung aus, die bequemer ist und keine Druckstellen macht.

          Topmeldungen

          „Make America great again“ war in erster Linie eine Kampfansage an andere Nationen.

          Amerikanische Außenpolitik : Trumps Vakuum

          Der 45. Präsident hinterlässt in den Vereinigten Staaten einen Trümmerhaufen. Die Weltpolitik war widerstandsfähiger.
          Polizisten stehen am 19. Januar vor der Moskauer Haftanstalt Matrosskaya Tishina, in der Alexej Nawalnyj gefangen gehalten wird.

          Festnahme Nawalnyjs : Nicht hinnehmbar für Europa

          Der EU-Außenbeauftragte Borrell fordert die Freilassung des russischen Oppositionellen Nawalnyj. Sollte Moskau nicht einlenken, wären für den EVP-Fraktionsvorsitzenden Weber auch Sanktionen gegen Nordstream 2 eine Option.
          Schon drin?

          Clubhouse-App : Willkommen im Vereinshaus

          Die Berliner Blase hat ein neues Spielzeug: Die Plauder-App Clubhouse verspricht Zerstreuung in schwierigen Zeiten. Ist der Hype von Dauer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.