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Makroökonom Fratzscher : Ein EZB-Forscher wird neuer DIW-Präsident

Nach monatelanger Unsicherheit hat das in Berlin angesiedelte DIW einen neuen Präsidenten Bild: dapd

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat nach langer Suche einen neuen Präsidenten: der Makroökonom Marcel Fratzscher wurde am Dienstagabend „einmütig“ ausgewählt.

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          Monate der Unsicherheit am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehen zu Ende. Der erst 41 Jahre alte Makroökonom Marcel Fratzscher, der derzeit eine Forschungsabteilung in der Europäischen Zentralbank leitet, wird nächster Präsident des mit 200 Mitarbeitern größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts. Die Findungskommission unter Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden, Bert Rürup, habe ihn „einmütig“ ausgewählt, teilte das DIW am Dienstagabend mit.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Fratzscher hat in Kiel, Oxford und Harvard studiert, sodann in Jakarta und Washington gearbeitet. Seit zehn Jahren forscht er für die EZB. Er sei ein „hervorragend ausgewiesener Wirtschaftswissenschaftler, von dem neue Impulse für einen Ausbau der makroökonomischen Kompetenz“ ausgingen, sagte Rürup. Der Vorstellungsvortrag Fratzschers am DIW sei „glänzend“ gewesen, hieß es.

          Allerdings war Fratzscher nicht die erste Wahl Rürups. Von mehreren gewünschten Ökonomen, etwa Michael Burda, hatte er Absagen bekommen. Vier Bewerber waren zum Schluss in der engeren Auswahl: Fratzscher, der Ifo-Ökonom Marcel Thum, der Direktor des Brüsseler Thinktanks Ceps, Daniel Gros, und die Münchner Professorin Dalia Marin. Ein fünfter Bewerber, der Duisburger Makroökonom Ansgar Belke, zog seine Bewerbung in letzter Sekunde zurück.

          Rürup hatte wohl Vorliebe für Dalia Marin

          Beobachter des Instituts hatten den Eindruck, dass Rürup eine gewisse Vorliebe für Marin hatte, eine gebürtige Österreicherin und Expertin für Außenhandelsfragen. Sie steht wie Rürup den Sozialdemokraten nahe. „Politstrategisch könnte eine Frau einen Vorteil haben“, hatte es aus dem Umfeld des Kuratoriums geheißen. Darin sitzen neben Wissenschaftlern auch Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums und des Berliner Senats. Sie sind die wichtigsten Geldgeber des Berliner Instituts, das seit dem Abgang seines Präsidenten Klaus Zimmermann Anfang 2011 vom Übergangsvorsitzenden Gert Wagner geleitet wird.

          „Das DIW Berlin ist auf einem sehr guten Weg“, sagte nun Karl Ulrich Mayer, der Vorsitzende der Leibniz-Gemeinschaft, nach der Fratzscher-Wahl. Der künftige Präsident sollte Makroökonom sein, sich also mit gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen auskennen, hatte Rürup stets betont. Zudem soll er sich in die wirtschaftspolitischen Debatten einmischen. Fratzscher ist bislang öffentlich nicht aufgetreten. Er leitet in der EZB die 24-köpfige Abteilung Internationale wirtschaftspolitische Analysen. Diese formuliert die Politikpositionen der Zentralbank zu globalen Wirtschafts- und Finanzfragen.

          Mit dem hochkarätigen Makroökonomen an der Spitze hofft das DIW, demnächst auch wieder bei der Vergabe der Konjunkturprognose für die Bundesregierung zum Zuge zu kommen. Unter dem Interimschef Wagner ist das DIW deutlich nach links gerückt. Zuletzt machte es Schlagzeilen durch den Vorschlag für eine 10-Prozent-Vermögensabgabe oder Zwangsanleihen für Reiche. Rürup zeigte sich gegenüber der F.A.Z. verärgert über den „schlecht begründeten“ Vorstoß, den er inhaltlich aber bedenkenswert findet. Verärgert sei er aber auch darüber, dass es „jetzt wieder Rote-Socken-Kampagnen gegen das DIW“ gebe.

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