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Streit um Kassenerstattung : Macron macht Homöopathie zur Chefsache

Eine Globuli-Demo in Paris Bild: AFP

Frankreichs oberste Gesundheitsbehörde will die Kassenerstattung von homöopathischen Mitteln streichen. Doch die Franzosen lieben Globuli – und sie sind ein großer Wirtschaftsfaktor. Jetzt soll der Präsident entscheiden.

          Der Glaubenskrieg um Kügelchen, Tinkturen und Salben ist in Frankreich zur Chefsache geworden: Präsident Emmanuel Macron wird entscheiden, ob homöopathische Mittel künftig weiterhin von der staatlichen Sozialversicherung erstattet werden. In Frankreich tobt der Streit um die Berechtigung der pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Substanzen seit vergangener Woche heftiger denn je. Am Freitag hatte die oberste Gesundheitsbehörde HAS (Haute Autorité de Santé) nach einer wissenschaftlichen Prüfung der Homöopathie jede medizinische Wirksamkeit abgesprochen und sich gegen eine Kassenerstattung gewandt (F.A.Z. vom 28. Juni). Die Gesundheitsministerin Agnès Buzyn – eine Ärztin, die nach eigenem Bekunden auf nüchterne Fakten setzt – hatte zuvor angekündigt, dass sie sich nach der Entscheidung der HAS richten werde.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Doch seit Ende der vergangenen Woche klingt die Französin weniger entschlossen. Der Grund: Macron ist klar geworden, dass eine Streichung der Homöopathie von der Liste der erstattungsfähigen Mittel unpopulär wäre, wie es in der französischen Presse heißt. 77 Prozent der Franzosen haben schon zu homöopathischen Mitteln gegriffen; zwischen der Hälfe und drei Viertel halten sie je nach Umfrage für wirksam. Zudem ist die Homöopathie in Frankreich ein Wirtschaftsfaktor. Der nach eigenen Angaben weltgrößte Hersteller Boiron hat seinen Sitz in Lyon und macht 60 Prozent seines Umsatzes von mehr als 600 Millionen Euro in Frankreich. Boiron steht auch offen hinter einer Kampagne für den Erhalt der Kassen-Berechtigung, die zu Demonstrationen und zu einer landesweiten Unterschriftenaktion führte; 1000 seiner 3600 Stellen seien bedroht, wenn es zur Streichung komme, teilt das Unternehmen mit.

          Die Kassenerstattung hat Frankreich zu einem Eldorado der Homöopathie gemacht. Nach einer Untersuchung des europäischen Branchenverbandes Echamp entfielen 2017 33 Prozent des europäischen Marktes von 1,3 Milliarden Euro auf Frankreich, 27 Prozent auf Deutschland und 13 Prozent auf Italien. Großbritannien kommt so gut wie gar nicht vor: Das National Health System hat die Homöopathie 2017 von der Erstattungsfähigkeit ausgeschlossen.

          In Frankreich legen sich nun auch politische Regionalbarone ins Zeug: Der Bürgermeister von Lyon, Gérard Collomb, ein Vertrauter Macrons, der bis zum vergangenen Oktober Innenminister war, verlangte in einem Brief an den Präsidenten eine weitere Prüfung der Angelegenheit. Zudem sprachen sich die Präsidenten der Regionen Hauts-de-France, Xavier Bertrand (ein ehemaliger Gesundheitsminister) sowie von Auvergne-Rhônes-Alpes, Laurent Wauquiez, für die Homöpathie aus. Nicht ohne Zufall liegen die wichtigsten Werke von Boiron in ihren Regionen. Die Interventionen könnten Spuren hinterlassen: Macron zögere, heißt es in der Presse. Ein Vorschlag lautet, nur noch 15 Prozent der Mittel zu erstatten – anstatt 30 Prozent wie heute. Der Präsident, der erklärtermaßen weder links noch rechts sein will, muss bald die Wahl treffen.

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