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Streaming-Dienste : Wie wollen wir fernsehen?

Im „Youtube Space“ in Berlin sollen hippe Filme entstehen. Bild: Andreas Pein

Der „Tatort“ zur besten Sendezeit, so sah bisher Fernsehen aus. Das ändert sich gerade radikal – dank Netflix, Amazon und Youtube hat auch Hollywood stark zu kämpfen.

          5 Min.

          Großes Kino hatte immer einen Namen, und der lautete: Hollywood. Danach kam ewig nichts. Hollywood gab weltweit die Stoffe vor, Hollywood diktierte die Preise, Hollywood machte die Stars. So lief das Filmgeschäft. Bis vor kurzem.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute stottert und stockt die größte Filmmaschine der Welt. Bloß kein Risiko, heißt die Devise in den Studios. Lieber drehen sie Teil sieben eines bewährten Blockbusters, als dass sie Neues wagen. „Die interessanten Geschichten produziert heute nicht mehr Hollywood, die erzählen andere“, klagt Oscar-Preisträgerin Jodie Foster in Interviews zu ihrem neuen Film „Money Monster“. Großes Kino kommt künftig wohl eher von Netflix, Amazon, Google oder auch Apple.

          Die Regisseurin spricht aus, was viele in der Filmbranche nicht wahrhaben wollen: Die Internetkonzerne loten das Fernsehen der Zukunft aus. Mit außergewöhnlichen Filmen, Serien und Dokus, die sie für viele Millionen zusammenkaufen oder selbst produzieren, lehren sie Hollywood das Fürchten und greifen zudem die traditionellen Fernsehsender wie ARD und ZDF an.

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          Wo Hollywood zaudert, schlagen sie zu. Scheuen weder Risiko noch Kosten. Der Streaming-Dienst Netflix hatte seinen Durchbruch mit „House of Cards“, der Neuverfilmung einer wenig beachteten BBC-Serie über Macht und Intrigen in der Politik, allerdings hat Netflix Oscar-Preisträger Kevin Spacey für die Hauptrolle verpflichtet, was die Kalifornier eine horrende Gage gekostet hat. Das Investment hat sich ausgezahlt, für beide Seiten.

          Bild: F.A.Z.

          Alte Gewohnheiten werden umgekrempelt

          Voriges Jahr hat Netflix einen Film über Kindersoldaten aus Ghana gekauft – ein schwerverdaulicher Stoff. Zwölf Millionen Dollar haben sie gezahlt, 10.000 Zuschauer haben „Beasts of No Nation“ im Kino gesehen. Nach Hollywood-Maßstäben eine Katastrophe. Aber Netflix rechnet anders: Der Film bringt Renommee (man träumte gar von einer Oscar-Nominierung) und wurde allein in den ersten drei Wochen von drei Millionen Abonnenten gestreamt.

          Anfangs bescherten die Streaming-Dienste Hollywood noch zusätzliche Aufträge, mittlerweile aber schnappen sie ihnen immer häufiger gute Produktionen weg, wie dieses Jahr auf dem Sundance-Filmfest, auf dem Amazon und Netflix den Großteil der Projekte aufkauften, indem sie die anderen überboten. Amazon ist längst nicht nur ein riesiger Online-Händler, sondern produziert seit 2013 eigene Serien und Filme in eigenen Studios in Santa Monica. Amazon-Prime-Kunden können seit einiger Zeit neben der schnellen Zustellung von Einkäufen auch ein umfangreiches Amazon-Filmangebot nutzen, dafür zahlen sie eine Jahresgebühr von 49 Euro in Deutschland.

          Macht künftig auch Filme für Amazon: Matthias Schweighöfer.
          Macht künftig auch Filme für Amazon: Matthias Schweighöfer. : Bild: dpa

          Auch die Filmstars aus Hollywood haben von Kevin Spacey gelernt, dass sich das Internetabenteuer durchaus auszahlen kann. Für Spacey war die Rolle des intriganten Mr. Underwood in „House of Cards“ die Krönung seiner Karriere. Jetzt haben auch Brad Pitt und Angelina Jolie die Seiten gewechselt. Pitt arbeitet seit längerem an einer Satire über einen amerikanischen General, Hollywood bekam kalte Füße, Netflix sprang ein.

          Die Tech-Firmen heben die klassische Trennung von Kino und TV auf und krempeln alte Gewohnheiten um. Sie warten nicht monatelang, bis sie einen Kinofilm im Fernsehen zeigen, sondern geben ihn ruck, zuck zum Streamen frei. Jeder kann eine ganze Staffel aus dem Netz herunterladen, wann und wo er will.

          Das verstopft das Netz: In Hochphasen verursachen Netflix-Kunden zwei Drittel des gesamten Internetdatenverkehrs in Amerika. Und immer mehr Menschen nutzen die Streaming-Angebote. Zwei Drittel aller Internetnutzer haben mittlerweile einen Streaming- oder Video-Dienst abonniert. Da können sich ARD und ZDF noch so entspannt geben und die Vorzüge des „Tatorts“ am Sonntagabend aufzählen – im Herbst wird die 1000. Folge über die Bildschirme flimmern –, das Fernsehverhalten der jungen Kunden ändert sich radikal. Die Minuten, die wir streamen, schnellen in die Höhe, die Minuten, die wir vor dem Fernseher verbringen, stagnieren seit Jahren.

          Die EU-Kommission ist bereits alarmiert. Von dem Wandel soll nicht nur die amerikanische Wirtschaft profitieren, sondern auch die Filmindustrie in Europa. Deshalb will sie den StreamingDiensten eine Quote von 20 Prozent für inländische Filme verordnen. Bereits jetzt haben die Amerikaner erste europäische Produktionen am Start. „Marseille“ wurde in Frankreich produziert, mit „Dark“ probiert Netflix eine deutsche Mystery-Story. Sie wird 2016 gedreht und 2017 gezeigt.

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