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Lernende Programme : Wenn die App dir sagt: Umarme deinen Partner

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Die Übernahme realer Macht sei nur noch eine Frage der Zeit, meint Harari. Der Algorithmus müsse den Menschen gar nicht vollständig durchleuchten können. Er müsse ihn nur besser kennen als der sich selbst und weniger Fehler begehen. „Dann nämlich wird es tatsächlich sinnvoll sein, diesem Algorithmus immer mehr meiner Lebensentscheidungen zu übertragen.“ Harari nimmt an, dass Algorithmen, genau wie Nationen oder Konzerne, bald als juristische Personen anerkannt werden. Dann seien sie auch in der Lage, eigenständig Vermögen anzuhäufen. Am Ende könnte eine „algorithmische Oberschicht entstehen, die den Großteil unseres Planeten besitzt“.

Neuauflage des „Liberalen Paternalismus“

Man muss Harari, der ein begnadeter Erzähler ist, nicht in die Tiefen seiner negativen Utopie folgen. Beim Thema technischer Fortschritt hat sich ein bedrohlicher Ton auf dem Buchmarkt bewährt. Doch selbst wenn die globale Machtübernahme der Algorithmen noch auf sich warten lässt, trifft der Historiker mit seiner Analyse des menschlichen Autonomie- und Autoritätsverlusts ins Schwarze. Wie die Algorithmen funktionieren, denen wir die Organisation unseres Lebens in immer größerem Maße anvertrauen, verstehen die Wenigsten. Wie wir funktionieren, verstehen die Algorithmen immer besser.

Wenn man will, dann sind die Programme, die heute in Kalifornien geschrieben werden, eine Neuauflage des „Liberalen Paternalismus“ unter verschärften Bedingungen. Vor 14 Jahren erklärten der Verhaltensökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein, warum es aus ihrer Sicht legitim ist, das Mängelwesen Mensch hier und dort in die richtige Richtung zu schubsen. Nicht durch Zwang, sondern durch vorformulierte Wahlmöglichkeiten. „Nudging“ heißt dieses Vorgehen. Es geht ungefähr so: Rational gesehen, weiß ich, dass Rauchen schadet. Doch die spontane Nikotinlust gewinnt stets die Oberhand. Ein Totenkopf auf der Zigarettenpackung soll mich zum rechten Tun anleiten.

Aus liberaler Sicht ist schon diese Form des Paternalismus problematisch. Wer soll denn, bitte schön, festlegen, was für den Einzelnen das „richtige“ Verhalten ist? Der Staat? Der will im Zweifelsfall nur eines: ruhige Untertanen, die wenig kosten und viel Steuern zahlen. Der Bürger, dessen Verhalten nur bei Gesetzesverstößen zu sanktionieren ist und den man ansonsten in Ruhe zu lassen hat, wird im liberalen Paternalismus wieder zum Untertanen. Einziger Trost: Hier sind es noch Menschen, die sich anmaßen, andere Menschen an die Hand zu nehmen.

Paternalismus will den Nutzer vor störenden Erfahrungen bewahren

Der Paternalismus der Algorithmen droht, ein größeres Monstrum zu werden. Er schubst den Nutzer nicht mehr nur in einer konkreten Frage in eine angeblich wünschenswerte Richtung. Er hat das Ziel, ihn vor allen vermeintlich störenden Erfahrungen zu bewahren. Kein Stau mehr. Kein Bewegungsmangel. Genug Schlaf. Perfekte Unterhaltung. Gesundes Essen. Kein Streit. Und falls doch: ab auf die Meditationsmatte.

Jeder muss seine Erfahrungen selbst machen, wissen Eltern. Dazu gehört es, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Dass dies einen eigenen Wert hat, dass es den Charakter reifen lässt, das versteht eine bewusstlose Intelligenz nicht. Muss sie auch nicht. Der Algorithmus ist nicht das Problem. Es ist die Verführung, sich ihm bei jeder Gelegenheit zu unterwerfen. Am Ende könnten wir in einem konfliktfreien und sehr gesunden, aber auch öden und erfahrungsarmen Alltag aufwachen.

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