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Umsonst-Internet in Indien : Will Facebook uns alle versklaven?

Früher wurde Mark Zuckerberg in Indien begeistert bejubelt. Das hat sich gedreht. Bild: AP

Facebook möchte Indien erobern. Dafür will Mark Zuckerberg das Schwellenland sogar mit einem kostenlosen Internetservice beglücken. Führt er damit wirklich nur Gutes im Schilde?

          7 Min.

          Deborah Miller ist eine Frau nach Mark Zuckerbergs Geschmack. Die Kalifornierin flog um die halbe Welt, um ihren Facebook-Freund Krishna Mohan Tripathi bei dessen Hochzeit in Indien erstmals zu treffen und zu feiern. Schmuck für 37.000 Dollar schenkte die 60-Jährige ihm, und Kontakt will sie mit dem 28-Jährigen auch halten - natürlich via Facebook.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Wenn doch für Facebook-Gründer Zuckerberg alles so einfach wäre in Indien. Anfangs sah es noch gut aus für den Facebook-Feldzug auf dem Subkontinent. Als der kompakte indische Ministerpräsident Narendra Modi und der schmächtige Zuckerberg im vergangenen Herbst in Silicon Valley aufeinandertrafen, lagen sie sich sofort in den Armen. So ein Bild sorgt für ein positives Echo: Der junge Milliardär hat ein Herz für die armen Inder, der graue Staatenlenker einen Draht zur digitalen Elite der Neuen Welt. Eine Annäherung unter den Großen dieser Erde, zum Wohle aller - so oder ähnlich hatten sich das die PR-Strategen aus Delhi und San Francisco vorgestellt. Innerhalb weniger Wochen aber ist daraus ein Tauziehen geworden.

          1,3 Milliarden potentielle Facebook-Nutzer

          Von dieser neuen Freundschaft sollten auch die Armen etwas haben, deshalb schuf Facebook das „Free Basics Program“, das den Indern kostenlosen Zugang zu mehreren Internetseiten geben sollte. Es firmiert unter „Internet.org“. Auch einen mächtigen Partner haben die Amerikaner an ihrer Seite: Anil Ambani, der Milliarden-Erbe, stellt mit seiner Telefongesellschaft Reliance Communication den kostenlosen Netzzugang für alle Free-Basics-Nutzer am Ganges zur Verfügung. Facebook wählte dann jene Seiten aus, die sich auf Internet.org kostenlos präsentieren. Zu diesen knapp 100 Seiten zählen Wikipedia, Bing, ESPN und BBC. Aber auch eine Wohnungsbaugesellschaft und ein persönlicher Blog.

          Das Vordringen der Amerikaner in Indien sollte Free Basics den Durchbruch in den Schwellenländern bringen. China, der andere große Markt für Facebook, bleibt dem Konzern verschlossen, die Parteibonzen fürchten die frei durch das Netz schwebende Meinung ihrer Untertanen. Indien hingegen nennt sich die größte Demokratie der Erde. Und mit den fast 1,3 Milliarden Menschen hier wächst ein riesiges Potential von Facebook-Nutzern heran. Allein weil der Austausch von Daten und Bildern Entfernungen schmelzen lässt und wesentlich billiger ist, als in einem Land mit armseliger Infrastruktur reisen zu müssen, schwören immer mehr Inder auf die elektronische Kommunikation.

          Brückenschlag durch Facebook

          Sie haben enormen Nachholbedarf: Nur rund 320 Millionen sind ans Internet angeschlossen, 94 Prozent über ihr Mobiltelefon. Mehr als die Hälfte von ihnen nutzen schon Facebook oder den Meldungsdienst Whatsapp, der ebenfalls zum Zuckerberg-Imperium zählt. Der Zuwachs ist rasant: Bis Ende dieses Jahrzehnts könnte sich die Zahl der Internetnutzer verdoppeln. Für Zuckerbergs Avancen sind die Inder offensichtlich bereit. Mit 132 Millionen Facebook-Kunden ist Indien schon heute der zweitgrößte Markt der Welt für die Kalifornier. „Indien ist entscheidend auf dem Weg, die nächste Milliarde Menschen online zu bekommen“, sagte Zuckerberg in Delhi. Vielleicht schon Ende dieses Jahres könnten mehr Inder als Amerikaner Facebook nutzen.

          Amerikaner sind am wertvollsten Bild: FAZ.NET / Statista - Lizenz: CC BY-ND 3.0

          Zumal Delhi unter den Entwicklungsländern die Richtung vorgibt - etwa in der Klimapolitik. Free Basics läuft schon in mehr als 30 Staaten der Erde, in Zusammenarbeit mit gut 35 Telekom-Unternehmen. Nach Angaben von Zuckerberg sind damit bislang mehr als 15 Millionen Menschen online gegangen. Sein Dienst sei „eine Brücke“ zum „vollen Internetzugang“. Gelingt der Vorstoß in Indien, kann Zuckerberg in weitere Länder Asiens, Afrikas und Südamerikas vordringen.

          Win-win-Situation für Modi und Zuckerberg

          Auf den ersten Blick wäre Free Basics auch für Indien ein riesiger Gewinn, wo immer noch 400 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Zuckerberg vergleicht seinen Dienst denn auch mit einer kostenlosen Stadtbücherei, in der ebenfalls nicht alle Bände dieser Erde zu finden sind. Free Basics wäre auch ein Gewinn für Modi, der den Indern ein besseres Leben verspricht, ohne dass die meisten von ihnen dies bislang spüren konnten.

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