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Manager auf Bildungsreise : Auf Pilgerfahrt ins Silicon Valley

Entwurf des künftigen Google-Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien Bild: Reuters

Immer mehr deutsche Manager erkunden die Heimat von Google und Facebook. Über eine Bildungsreise der besonderen Art - und was Konzernlenker dabei wirklich lernen.

          4 Min.

          Manchmal bricht selbst bei erfahrenen Vielfliegern noch mal so etwas wie Reisefieber aus. Zum Beispiel bei jener Abordnung des Springer-Verlags, die im Herbst vor zwei Jahren zu einer Expedition ins Silicon Valley aufbrach: „Entzückend, die drei miteinander telefonieren zu hören. Wie Mädels, die zum Ponyhof wollen und vorher klären, wie viele T-Shirts man braucht und wer den Föhn mitnimmt.“ Die drei, das waren „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, Springer-Vermarktungschef Peter Würtenberger und Idealo-Gründer Martin Sinner. Begleitet wurden sie von Diekmanns Frau Katja Kessler, die die Zeit im digitalen Wirtschaftswunderland zu einem Buch verarbeitet hat: „Silicon Wahnsinn“.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Carsten Knop

          Anfangs wurde die Reisegruppe noch belächelt bis verspottet, Urlaub auf Firmenkosten, ein halbes Jahr Auszeit im sonnigen Kalifornien und dann noch diese seltsame Arbeitsmontur: Nerd-Brillen, Bärte und Kapuzenpullis. Geht’s noch? Doch inzwischen gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Manager deutscher Konzerne reisen „ins Valley“, wie es gemeinhin heißt. Stahlbarone, Energiemanager, Waschmittelhersteller - alle wollen sie sich ein Bild davon machen, wie Google, Facebook und Konsorten ticken und was sich daraus für den Arbeitsalltag in Duisburg oder Düsseldorf lernen lässt.

          Mehrere Monate wie der Springer-Trupp bleiben die wenigsten, man beherzigt die alte Unternehmensberaterweisheit: „Fly in, fly out“ - schnell rein, schnell wieder raus. Gisbert Rühl vom Stahlhändler Klöckner & Co war schon für ein paar Tage vor Ort, und auch Henkel-Vorstandschef Kasper Rorsted flog im November zusammen mit einer Gruppe von Führungskräften für eine Woche an die amerikanische Westküste. Ein Dutzend Unternehmen aus der Technikszene stand auf der Besuchsliste.

          Geballte Intelligenz, Unternehmertum, Infrastruktur und Geld

          „Die Eindrücke, die wir dort gesammelt haben, kann man sich nicht anlesen“, sagt Rorsted im Rückblick. „Besonders spannend ist es, diese symbiotische Beziehung zwischen Wagniskapitalgebern, jungen Gründern, den Inkubatoren und dem Umfeld mit den großen Technologieunternehmen zu erleben, die engen Kontakt zu den Neugründungen halten - und diese häufig auch für sehr viel Geld kaufen.“ Diese Ballung von Intelligenz, Unternehmertum, Infrastruktur und Geld finde man sonst nirgendwo, das sei auch ganz anders als in der aufstrebenden Berliner Gründerszene: „Es lohnt sich auf jeden Fall, dorthin zu fahren“, so Rorsted.

          Auch RWE-Chef Peter Terium, der dem Silicon-Valley-Tourismus deutscher Vorstände lange Zeit skeptisch gegenüberstand, packt jetzt doch seine Koffer: Nach Ostern geht es gen Kalifornien. Selbst ein Familienunternehmer wie Hans Georg Näder, der Inhaber des Prothesenherstellers Otto Bock, will demnächst an die Westküste fliegen, um mit Konzernen wie Apple oder Google die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit auszuloten.

          Der Silicon Wahnsinn in Zahlen: Facebook, Google und Konsorten

          Einen Reiseveranstalter für Manager-Studienreisen gibt es noch nicht, jedes Unternehmen organisiert seine Tour auf eigene Faust. Erste Ansprechpartner sind meist die Deutschland-Zentralen der Internetkonzerne. Die haben im Reisemanagement mittlerweile eine gewisse Übung. Bei Facebook in Hamburg sind in den vergangenen Monaten so viele Anfragen eingegangen, dass die Sprecherin gar nicht mehr aufzulisten vermag, wer schon alles Interesse an einem Besuch im Silicon Valley bekundet hat, sondern nur die wenigen Ausnahmen, die es noch nicht getan haben.

          Dominik Terruhn, Geschäftsführer der Werbeagentur Serviceplan, war schon da, zusammen mit fünf Kollegen. Drei Tage Google und Youtube, zwei Tage Facebook, ein halber Tag Apple: die Klassiker in der Gegend gut eine Autostunde entfernt von San Francisco. Im Besucherzentrum von Google mitten auf dem Firmencampus in Mountain View erklärte der leitende Produktentwickler der Gruppe, wie sich die Suchmaschine weiterentwickeln soll. Anschließend referierte die Personalchefin, wie sie 48.000 Mitarbeiter bei Laune hält. Ziemlich gut durchorganisiert sei das alles, sagt Terruhn anerkennend.

          Auf der Suche nach der ganz großen Lösung
           

          Einblicke in die Labors, in denen an intelligenten Kontaktlinsen, Autos, Häusern und mehr geforscht wird, bekamen die Gäste zwar nicht. Was sie aber bekamen, waren Einblicke in eine Arbeitsatmosphäre, die Innovationen hervorbringt. „Wir in Deutschland versuchen, etwas 10 Prozent besser zu machen. Im Silicon Valley versuchen sie, etwas zehnmal besser zu machen“, berichtet Terruhn. Man will den „Moonshot“, die ganz große Lösung.

          Zwar kann der Werber weder 20 Prozent seines Umsatzes noch 20 Prozent der Arbeitszeit seiner Mitarbeiter ins Experimentieren stecken, wie das mancher Internetkonzern macht. Trotzdem hat sich sein Arbeitsalltag seit der Reise verändert: „Wenn jemand eine Idee hat und es gleich wieder heißt, das funktioniert sowieso nicht, das ist zu teuer, sage ich: stopp! Überlegen wir doch erst mal: Was könnten wir damit erreichen?“ Gut 3500 Euro ließ sich Serviceplan die Reise pro Person kosten - 1000 Euro für den Flug, 2500 Euro fürs Hotel. Eintritt verlangen die Internetkonzerne noch nicht. Terruhn sagt, das Geld sei gut investiert: „Der Output ist enorm.“

          Timotheus Höttges, auch er einer der Valley-Pilgerer, beeindruckte besonders, dass die Gründer im Silicon Valley ihre Ideen nicht bis zur Marktreife geheim halten, sondern es einen regen Austausch und Verbesserungsvorschläge in der Szene gibt. Sechs Wochen nahm sich Höttges für seine Erkundungstour Zeit, bevor er Anfang vergangenen Jahres den Vorstandsvorsitz der Deutschen Telekom übernahm, er belegte unter anderem einen Sommerkurs an der renommierten Stanford-Universität, an der einst Larry Page und Sergey Brin die Idee zu Google entwickelten.

          „Das Valley ist das Kraftzentrum der Branche“

          Der Vorstandsvorsitzende des deutsch-chinesischen Modehauses Esprit hat es sich zur Tradition gemacht, einmal im Jahr auf Bildungsreise in Kalifornien zu gehen - eine Woche lang Firmenbesuche und Ideen sammeln. Das Silicon Valley sei ein Magnet für die gesamte Industrie, sagt José Manuel Martínez. „Wir müssen dorthin, sonst verpassen wir den Lauf der Zeit.“ Mode und Hightech sind in den vergangenen zehn Jahren eng aneinandergerückt, jetzt verschmelzen sie.

          „Wir sehen das Aufkommen von diesen Wearable-Computern“, sagt Martínez. „Und da reden wir nicht nur von Uhren, Armbändern und allerlei Accessoires. Wir reden von Jacken, Hosen, T-Shirts.“ Stecknadelkopfgroße Sensoren werden quasi in die Stoffe eingewebt. Kunden können alle möglichen Daten erfassen lassen und über Apps auf ihre Handys oder Computer transferieren. „Was wir da im Valley an Visionen und Innovationen erleben, ist phantastisch“, schwärmt der Manager.

          Die Anziehungskraft ist so groß, dass manches deutsche Softwarehaus wichtige Teile seiner Entwicklungsabteilung nach Kalifornien verlagert hat. Bernd Leukert zum Beispiel, der Entwicklungsvorstand von SAP, hat eines seiner wichtigsten Büros  im Silicon Valley, genauer gesagt: in Palo Alto, der Keimzelle der technischen Entwicklung. Hier lässt Europas größtes Softwarehaus Tausende von Entwicklern für sich arbeiten.

          Leukert verbringt rund die Hälfte seiner Arbeitszeit im Valley. „Das Valley ist das Kraftzentrum der Branche; wenn man innovativ sein will, muss man dort sein“, sagt auch Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG. Die ist seit der Übernahme von mehreren Valley-Firmen ebenfalls mit einer Dependance vor Ort.

          Der Springer-Reisegruppe gefiel es im Silicon Valley so gut, dass aus dem halben fast ein ganzes Jahr wurde. Zu einer Strategietagung flog zwischenzeitlich die gesamte Führungsriege inklusive Firmenpatriarchin Friede Springer aus Berlin ein. In Youtube-Videos huldigt der Konzern der Klassenfahrtstimmung im Reisebus. Sein Fazit: Nicht alles, was gut ist, entsteht in einer Garage in Kalifornien. „Aber hinfahren kann man ja trotzdem mal.“

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          Es berichten Julia Löhr, Stephan Finsterbusch und Carsten Knop

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