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Beliebter Online-Handel : Warum all die Pakete?

Geschenke per Paket. Bild: dpa

Deutschland schimpft über seine Online-Händler - doch die Kunden kaufen trotzdem weiter ein. Online-Händler hängen viele große Ladenketten ab. Warum?

          5 Min.

          Wenn es in diesen Tagen abends um 21 Uhr an der Tür klingelt, dann ist das nicht unbedingt ein unhöflicher Nachbar. Vielleicht ist es auch einfach der Weihnachtsmann in Form des Paketboten, der ein Päckchen mit Weihnachtsgeschenken liefert. Für die Zusteller haben inzwischen die Abend- und Sonntagsschichten begonnen, denn: Die Deutschen verlegen ihre Weihnachtseinkäufe.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während die Läden in den Fußgängerzonen und Einkaufszentren vor Weihnachten noch mal extra lange in den Abend geöffnet bleiben, bestellen viele Deutsche nachts und am Wochenende online. Statt sich in überfüllte Sonderzüge zu quetschen und am Adventssamstag in die Innenstadt zu fahren, um sich von Laden zu Laden zu schieben und an den Kassen anzustehen, lassen viele Deutsche den Paketboten für sich tragen. Inzwischen geben die Deutschen durchschnittlich rund 500 Euro im Jahr online aus – jeden achten Euro, mit dem sie außerhalb der Supermärkte einkaufen, so sagen es Zahlen des Einzelhandelsverbands.

          Schon wenige Jahre nach seiner Gründung macht der Kleiderhändler Zalando fast halb so viel Umsatz wie Karstadt, Otto macht ungefähr so viel wie Karstadt. Amazon lässt Karstadt und Kaufhof schon weit hinter sich. Der weltgrößte Online-Händler machte im vergangenen Jahr in Deutschland mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz. Im nächsten Jahr könnte Amazon Waren für mehr Geld als alle Media-Märkte und Saturn-Filialen zusammen verkaufen – vorausgesetzt, Amazon wächst im gleichen Tempo weiter wie bisher.

          Selbstverständlich ist das nicht. Denn die Deutschen haben in den vergangenen zwei Jahren auf ihre Online-Händler heftig geschimpft. Amazon verschiebe Gewinne in Europa hin und her, immer durch die Schlupflöcher hindurch, bis der Konzern kaum noch Steuern zahlen muss. Die Lagerarbeiter würden schlecht bezahlt und ausgebeutet. Seit Monaten bestreikt die Gewerkschaft Verdi Amazon. Auch andere junge Online-Händler stehen unter Beschuss: Die Lagerarbeiter bei Zalando müssten zu weit laufen und hätten zu wenig Pausen.

          Doch bisher interessierte das die Kunden kaum mehr als ein platter Reifen am Postauto. Da konnte sich SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück 2013 im Wahlkampf noch so demonstrativ als Verteidiger der Arbeiterrechte vor Amazon-Versandzentren aufstellen – am Ende des Jahres steigerte Amazon seinen Umsatz immer noch schneller als die übrigen Online-Händler. Schneller als die Läden in den Fußgängerzonen sowieso.

          Erst in diesem Jahr gibt es erste Anzeichen dafür, dass der Online-Handel mal etwas langsamer wachsen könnte: im zweiten und dritten Quartal ging es etwas langsamer, meldete der Verband der Versandhändler – doch schon im Oktober und November schnellten die Umsätze wieder um mehr als zehn Prozent nach oben. In diesen Tagen melden selbst Christbaumhändler eine hohe Nachfrage nach online bestellten Fichten und Tannen.

          Warum lässt sich die Begeisterung der Deutschen fürs Bestellen nicht brechen? Wer die Kunden der Online-Händler fragt, bekommt viele rationale Antworten. Doch das sind längst nicht die einzigen, die zählen. Möglicherweise leiden stationäre Händler sogar unter Dingen, die landläufig eher als ihr Vorteil gelten.

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