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TV-Kritik: Hart aber Fair : Oh, oh, Amazon

Frank Plasberg im „Hart aber Fair“-Studio Bild: WDR/Klaus Görgen

Frank Plasberg diskutiert über den Online-Handel - und Amazon wird zum Sündenbock. Vielleicht hätte Plasberg auch einen Kunden in seine Talkrunde einladen sollen.

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          Kennen Sie die Talkshow-Amnesie? Das ist eine seltsame Art des Gedächtnisverlusts, die nur dann auftritt, wenn der Kopf Fernsehkameras und Scheinwerfern ausgesetzt ist. Nicht jeder hat das schon selbst erlebt, aber jeder kann Betroffene erkennen. Ganz eklatant war zum Beispiel der Ausbruch der Talkshow-Amnesie vor einigen Jahren während der Opel-Krise, als Dutzende von Diskussionsgästen die tolle Qualität der Autos lobten – und vollkommen vergessen hatten, mit was für einem Auto sie zum Funkhaus gefahren waren (nämlich meistens gerade nicht mit einem Opel).

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Montagabend war die Amnesie wieder zu erleben, und zwar im Studio von Frank Plasberg. Dort ging es um den Online-Handel. Am Tag nach dem zweiten Advent sagten dort intelligente Leute voller Überzeugung, Menschen seien soziale Wesen und wollten viel lieber zusammen in der Stadt einkaufen als zu Hause am Computer. Das lässt sich nur damit erklären, dass sie die Parkplatzsuche am Samstag und das Gedränge in den Läden im Advent innerhalb von Sekunden vollkommen vergessen hatten.

          Um den kompletten Online-Handel ging es offiziell, in der Praxis aber blieb die Schuld für die Probleme der Einkaufswelt allein bei Amazon. Die Argumente waren soweit bekannt: Amazon behandelt seine Mitarbeiter schlecht, Amazon bezahlt viel zu wenig Steuern und Amazon macht die Einzelhändler kaputt.

          Dazu hatte Plasberg Deutschlands liebsten Enthüllungsjournalisten, Günter Wallraff, in der Runde. Der durfte sich laut darüber ärgern, dass nach Weihnachten mancher befristete Arbeitsvertrag von Zeitarbeitern oder Weihnachtsaushilfen nicht verlängert wird. Die Autorin Amelie Fried durfte erzählen, dass sie ihre Bücher nicht von Amazon ins Englische übersetzen lässt. Der Ulmer Einzelhändler Hermann Hutter durfte versprechen, dass sein stationärer Laden auch in zehn Jahren noch jedes Ersatzteil hat.

          Amazon war nicht vertreten. Ein Kunde hätte gereicht

          Ein Vertreter von Amazon war nicht in der Runde, Amazon hatte abgesagt. Umso leichter war es, sich darauf zu verständigen: Alles wäre in Ordnung, wenn nur Amazon nicht so fiese Steuertricks verwenden würde – dann hätten auch die Einzelhändler wieder eine Chance, sagte Versandhandels-Verbandschef Gero Furchheim.

          Vielleicht hätte es aber gar keinen Gast von Amazon gebraucht, sondern nur einen einfachen Deutschen, der wahrhaftig darüber erzählt hätte, warum er seine Weihnachtsgeschenke nicht beim Einzelhändler um die Ecke kauft – sondern im Jahr fast 100 Euro bei Amazon lässt.

          In der Sendung aber blieb nur ein vorgelesener Kommentar aus der Zuschauer-Ecke, um festzuhalten, dass die Einzelhändler vor Ort nicht immer die größte Auswahl haben. Dass die Verkäufer nicht immer wissen, bis wann sie das Weihnachtsgeschenk bestellen können. Und dass die Verkäufer manchmal auch gar nicht helfen wollen.

          Tatsächlich sind die Verkäufer manchmal gar nicht aufzufinden, und für viele ausgefallenere Hobbies ist Amazons „Kunden kauften auch“-Rubrik der bessere Berater. Tatsächlich hat Amazon mit seinem E-Book-Reader durchgesetzt, dass Leser ihre Lieblingsbücher innerhalb von Sekunden überall auf der Welt bekommen können. Doch solche Argumente fielen der Talkshow-Amnesie zum Opfer.

          Immerhin: Zart deutete Handelsprofessor Gerrit Heinemann an, dass vielleicht nicht nur Amazon Schuld sein könnte – sondern dass vielleicht auch Kommunalpolitiker ihren Teil zur Misere beitragen, wenn sie den Sonntag komplett dem Versandhandel überlassen. Immerhin: Amelie Fried erinnerte sich daran, dass die heile Welt der kleinen unabhängigen Einzelhändler schon von den Handelsketten schwer beschädigt worden war.

          Nun bringt auch Amazon seine Probleme. Das Internet hat eine Tendenz zu übermäßig mächtigen Monopolen, auch Amazon könnte eines Tages dorthin kommen. Doch die Debatte darüber war schnell vorbei. Wer was mit welchen Daten macht, gehört dringend ordentlich verhandelt. Dieses Thema allerdings ging in der Talkshow-Amnesie unter.

          Es gab noch ein paar andere Themen, die nicht vorkamen. Dass Amazon allerdings nach Tarif bezahlt zum Beispiel (nur aus Sicht Verdis nach dem falschen). Dass der Konzern mit seinen Verteilzentren Arbeitsplätze aus den arbeitsreichen Innenstädten auf das strukturschwache Land bringt. Diese  Argumente nannte Günter Wallraff auch nicht. Doch sie sind vielleicht nicht in der Talkshow-Amnesie untergegangen. Sondern diese Argument würde Wallraff vielleicht auch außerhalb von Talkshows nicht bemühen.

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