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Luftverkehr : Europas zweitälteste Fluglinie ist pleite

  • Aktualisiert am

Das war´s Bild: dpa

Branchenkenner überrascht der Sabena-Konkurs nicht: Die Fluggesellschaft war selten profitabel. Nun soll eine neue Linie es besser machen.

          3 Min.

          Am Mittwoch gegen 11.45 Uhr landete der allerletzte Sabena-Flug auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem, Nr. SN 690 aus Cotonou, Benin. Immerhin ein stilvolles Ende für das am 23. Mai 1923 gegründete Pionier-Unternehmen, dass vor allem durch seine Afrika-Verbindungen groß geworden war.

          Der Konkurs der Societe Anonyme Belge d'Exploitation de la Navigation Aerienne, die nach der niederländischen Gesellschaft KLM älteste Fluglinie Europas ist, gilt als der größte in der belgischen Geschichte. Rund 7.000 Angestellte dürften ihre Arbeitsplätze verloren haben. Das Direktorium der Fluggesellschaft, die in ihrer 78-jährigen Geschichte nur zweimal Geld verdient hat, begründete den Bankrott mit der anhaltend schlechten wirtschaftlichen Lage.

          Swissair-Krise mitentscheidend

          Als Gründe dafür nannte sie die fehlende Profitabilität, die “aggressive Expansionsstrategie“ der Miteigentümerin Swissair mit anschließend ausbleibenden Zahlungen und eigenem Konkurs, die wilden Streiks der Belegschaft in den letzten Monaten sowie die allgemeine Krise in der Luftfahrtbranche, die durch den Terroranschlag am 11. September “dramatisch“ verstärkt worden sei.

          Sabena-Chairman Fred Chaffart bedauerte den Schritt zutiefst und dankte den Mitarbeitern für ihre Bemühungen. Zugleich rief er sie auf, nicht die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Es gebe Pläne, eine “kleinere und adäquatere“ Fluggesellschaft basierend auf der Tochter-Regionalfluglinie DAT zu bilden. Deren Aktivitäten blieben vor allem auf Europa beschränkt sowie auf einige, profitable Langstrecken. “Ziel ist es, das Land (Belgien) in Verbindung mit der restlichen Welt zu halten“, heisst es in einer Mitteilung der Sabena-Geschäftsführung.

          Das Bedauern hält sich in Grenzen

          Weniger Bedauern als Chaffert zeigten Analysten. „Es ist gut, dass sie endlich gehen müssen, da sie seit 40 Jahren den Markt mit ihrer Ineffizienz verderben“, urteilte Mike Powell, Luftfahrtexperte bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Er hoffe, dass eine neue Sabena, die in der Presse schon als „Sabena Light“bezeichnet wurde, eine effizientere Kostenstruktur erhalte.

          Die Gewerkschaften sollten noch in der vergangenen Nacht mit der belgischen Regierung, die noch etwas über 50 Prozent an Sabena hält, über einen Sozialplan für die von der Entlassung betroffenen Mitarbeiter verhandeln. Mindestens für Mittwoch sind keine Flüge von Sabena mehr vorgesehen. Die Gesellschaft rief ihre Passagiere auf, nicht zum Flughafen zu kommen, ebenso ihre Mitarbeiter. Die Tochterunternehmen wie die Charterfluggesellschaften Sobelair und DAT sollen ihren Betrieb wie gewohnt aufrecht erhalten, ebenso die Sabena-Hotels.

          Neue Fluglinie ohne Staatsbeteiligung

          Schon wenige Stunden nachdem Sabena den Konkurs erklärte, kündigte die Brüsseler Regierung die Gründung einer Nachfolgegesellschaft an. Dadurch könne ein Teil der rund 13.000 Sabena-Beschäftigten übernommen werden, erklärte Belgiens Ministerpräsident Guy Verhofstadt. Zwischen 5.000 und 6.000 Stellen würden jedoch definitiv wegfallen. Die neue Fluglinie werde in Brüssel angesiedelt sein und anders als Sabena ohne Staatsbeteiligung ihren Betrieb aufnehmen, sagte Verhofstadt, der wegen der Fluglinie seit Dienstagmorgen von einer Krisensitzung in die andere geeilt war.

          Die neue Airline soll dem Ministerpräsidenten zufolge „so schnell wie möglich“ an den Start gehen. Als Ausgangsbasis werde die Sabena-Regionalgesellschaft DAT dienen. Verhofstadt ging davon aus, dass die Nachfolgegesellschaft selber 20.00 bis 2.500 Arbeitsplätze bieten werde. Verhofstadt erhielt nach eigenen Angaben Investitionszusagen in Hohe von 200 Millionen Euro für die neue Gesellschaft. 155 Millionen Euro wurden demnach von einem Konsortium aus zwölf belgischen Banken und Firmen aufgebracht. Der Rest werde von belgischen Regional-Investmentgesellschaften beigesteuert.

          Slots bleiben erhalten

          Offen für die Gründung einer Nachfolgegesellschaft ist noch die Zustimmung der EU-Kommission. Diese zog am Mittwoch Klare Grenzen für eine staatliche Unterstützung und für mögliche Transaktionen zugunsten einer Sabena-Nachfolgegesellschaft. Jeder Übertrag von Sabena-Mitteln an eine Tochtergesellschaft werde anhand der EU-Vorschriften über Staatsbeihilfen untersucht, kündigte der Sprecher von Verkehrskommissarin Loyola de Palacio an. Der Sprecher erinnerte dabei an den Beurteilungsmaßstab der Behörde für staatliche Hilfen: Demnach soll sich der Staat verhalten wie ein privater Investor, der für seine Investitionen auch eine angemessene Rendite erwartet.

          Was die Zeitnischen für Start- und Länderechte von Sabena angeht, ging der Sprecher davon aus, dass diese zunächst bis Ende der Wintersaison gesichert sein dürften. Diese so genannten Slots interessieren die möglichen Partner wie Konkurrenten einer Sabena-Nachfolgerin besonders. Normalerweise müssen Slots zurückgegeben werden, wenn sie von den Fluglinien nicht zu mindestens 80 Prozent genutzt werden. Im Eindruck der Branchenkrise nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September hatte sich die EU aber darauf verständigt, nicht genutzte Slot-Rechte zunächst nicht verfallen zu lassen.

          Lufthansa springt in die Bresche

          Zunächst gehören jedoch die Konkurrenten zu den Profiteuren der Pleite. So kündigte die Lufthansa umgehend nach der Konkurs-Erklärung der Sabena an, ihre Flugangebote nach Brüssel auszuweiten. Zur Wintersaison fliegt die Lufthansa achtmal täglich von Brüssel nach Frankfurt, die Verbindung könnte möglicherweise auf zehnmal erhöht werden. Grundsätzlich setze aber nun in Europa jene Konsolidierung der Branche ein, die es in den USA nach dem Golfkrieg gegeben habe, so der Sprecher. Renommierte Gesellschaften wie Pan Am oder TWA brachen damals zusammen. Staatliche Hilfen bei den Entlassungen nannte der Lufthansa-Vertreter akzeptabel, nicht aber um Überkapazitäten zu subventionieren.

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