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Luftfahrt : Ryanair - Fliegen ohne Kinkerlitzchen

  • -Aktualisiert am

Fliegen ohne überflüssigen Schnickschnack Bild: dpa

Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair sorgt mit Niedrigstpreisen für anhaltend hohe Passagierzahlen.

          3 Min.

          Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair unterbietet sich wieder einmal selbst. Ein Flug vom Flughafen Frankfurt-Hahn nach London ist seit neuestem für 29 Mark zu haben - inklusive Steuern und Gebühren. Damit geht die Gesellschaft beim Kampf um hohe Passagieraufkommen erneut in die Offensive. Bereits zuvor hatte das Unternehmen die Preise zuweilen ins Bodenlose gesenkt und Tickets für Flüge außerhalb der Stoßzeiten verschenkt. Ganz im Gegensatz zu zahlreichen anderen Fluggesellschaften, die ihre Preise nach den Anschlägen um eine Sicherheitsgebühr erhöht haben, Strecken streichen und in vielen Fällen tausende Mitarbeiter entlassen.

          Die Strategie der Iren scheint aufzugehen: Sank die Zahl der Buchungen in der Woche nach den Anschlägen um rund zehn Prozent, kaufen jetzt zehn Prozent mehr Passagiere Tickets als im August. Insgesamt flogen im September rund 30 Prozent mehr Passagiere mit Ryanair als im Vorjahr. Die meisten anderen Airlines kämpfen dagegen mit Rückgängen der Passagierzahlen. „Ich glaube, sehr wenige Leute haben seit dem 11. September tatsächlich Angst zu fliegen“, erklärt Vorstandschef Michael O'Leary. „Die Preiserhöhungen der Airlines halten sie vom Fliegen ab.“

          Billigstrategie für Wachstum

          Mit der Billigstrategie ist die 1985 in Dublin gegründete Fluggesellschaft groß geworden. Heute ist sie die erfolgreichste von fünf großen europäischen Billigfluggesellschaften. Für die traditionellen Fluggesellschaften gelten sie nur beschränkt als Bedrohung - für die Flughäfen jedoch werden sie auf Grund der hohen Passagierzahlen, die sie den Airports zuführen, langsam richtig interessant. Analysten wie Unternehmensleitung betrachten den Erfolg als Bestätigung, dass die Billig-Airlines von Rezessionen profitieren können.

          Von gut 5.000 Fluggästen jährlich in der Anfangszeit schwoll die Passagierzahl nach Unternehmensangaben auf heute mehr als neun Millionen an. Der Marktanteil in Europa liegt bei vier Prozent. Die Gesellschaft befliegt 45 Strecken in elf Ländern. Zielgruppe sind vor allem die Gelegenheits- und Urlaubsflieger. Durch die schlechte Konjunktur interessieren sich jedoch zunehmend auch Geschäftsreisende für die Billigangebote. Insgesamt wächst die Passagierzahl der Billiganbieter jährlich im Schnitt um 49 Prozent. Bei den großen Gesellschaften sind es nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Marcus Evans fünf Prozent.

          Einfaches Erfolgsrezept

          Das Erfolgsrezept der Billigheimer ist einfach: Der Passagier kann bei ihnen Flüge kaufen - mehr nicht. Auf aus ihrer Sicht teuren Schnickschnack wie kostenloses Essen, Zeitungen oder Platzbuchungen verzichten Ryanair und Konsorten weitgehend. Das Motto lautet 'No frills' - keine Kinkerlitzchen. Mehr als 90 Prozent der Tickets verkauft Ryanair selbst auf seiner Internetseite. Weitere Einnahmen erwirtschaftet die Fluggesellschaft über das Bordgeschäft mit Bezahlfernsehen, Internetspielen, Hotelreservierungen oder Getränkedosen. Bei einem Umsatz von 487,4 Millionen Euro blieb nach Abzug der Steuern ein Gewinn von 104 Millionen Euro hängen, ein Zuwachs von 44 Prozent bei einer Umsatzsteigerung von 32 Prozent.

          „Wir sparen an allem, außer an Sicherheit“, erklärt O'Leary. Mit seinen 31 Flugzeugen der Marke Boeing 737-800 ist die Flotte des Unternehmens nach eigenen Angaben eine der jüngsten und modernsten aller europäischen Fluggesellschaften. Für die stets gleichen Modelle gibt die Airline zudem weniger Geld für Wartung und Ersatzteile aus.

          Bald größer als die Lufthansa

          Aus Kostengründen fliegen die Iren ausschließlich Nebenflughäfen in der Umgebung von Ballungszentren an. Die Gebühren seien dort niedriger, Verspätungen seltener und kostspielige Warteschleifen entfielen ganz. Dadurch, dass es weder Essen noch Zeitungen an Bord gibt, brauchen die Putzkolonnen zudem weniger Zeit. Nach einer knappen halben Stunden könnten die Maschinen wieder auf der Startbahn sein - und so ein bis zwei Flüge mehr pro Tag machen. Und das zu den niedrigst möglichen Preisen. Anders als Lufthansa sei Ryanair überzeugt, die einzige Antwort auf den Passagierrückgang könnten niedrige Preise sein, meint O'Leary. „In sechs oder sieben Jahren wird Ryanair größer als Lufthansa sein.“ Sein Unternehmen wolle weiter um 25 Prozent jährlich wachsen.

          Ausschließlich an kleinen Flughäfen interessiert

          Durch die große Zahl Passagiere werden die Billigflieger auch für die Flughäfen interessant. Bei denen gelten die Iren als sture und eiserne Verhandlungspartner. Hartnäckig hält sich etwa in der Branche das Gerücht, dass Ryanair von einigen gar Gebühren pro Passagier kassieren soll. Bei der Suche nach einem Drehkreuz mit eigenen Stellplätzen sind in O'Learys Augen unverändert nur die kleinen Flughäfen interessant. Sein Favorit ist nach eigenen Angaben der Flughafen Hahn bei Frankfurt.

          Dabei versuchen nach eigenen Angaben alle großen europäischen Flughäfen, sich um jeden Preis ins Spiel zu bringen. O'Leary will davon jedoch nichts wissen. „Selbst wenn der Flughafen Frankfurt uns kostenlos fliegen ließe, würden wir immer noch nein sagen“, betont er. „Das ist eine Frage der Einrichtung, nicht der Kosten.“

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