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Luftfahrt : Richard Branson kämpft um den Prestigeflieger Concorde

Der heutige Freitag ist für Richard Branson ein schwarzer Tag. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow setzen nachmittags die fünf Überschallflugzeuge vom Typ "Concorde" zur letzten Landung an.

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          Der heutige Freitag ist für Richard Branson ein schwarzer Tag. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow setzen nachmittags die fünf Überschallflugzeuge vom Typ "Concorde" zur letzten Landung an. Den Beschluß von British Airways (BA), sich von seinem teuren "Concorde"-Abenteuer endgültig zu verabschieden, hatte der 53 Jahre Unternehmer aus London seit Wochen heftig attackiert.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          "Für mich grenzt das an Industriesabotage, wenn der Branchenführer jetzt Kostengründe vorschiebt, um dieses technologisch ehrgeizige Projekt zu beerdigen und dabei auch Wettbewerbern keine Chance läßt, die Concorde wirtschaftlich zu betreiben", kritisiert Branson scharf den BA-Chef Rod Eddington.

          Ähnlich wie Air France, die ihre Überschalljets bereits im Mai aus dem Luftverkehr gezogen hatte, begründet auch die britische Fluglinie das Aus für die Concorde mit dem Umstand, daß der vor gut 30 Jahren von Frankreich und Großbritannien gemeinsam entwickelte Prestigeflieger quasi vom Start weg Verluste einflog und gerade jetzt, im Zuge der angespannten Branchenlage, nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben ist.

          Branson läßt die Argumente von Eddington nicht gelten und macht eine Gegenrechnung auf. Der Gründer der Fluglinie "Virgin Atlantic", die seit Jahren in Europa und auf Nordatlantikrouten mit BA um Passagiere kämpft, geht davon aus, daß die Concorde eine technische Lebensdauer von weiteren 25 Jahren vor sich hat. Dank der Werbekraft der schrill-bunten Dachmarke "Virgin" und durch die Konzentration auf junge, kaufkräftige Vielflieger aus der Medien- und Geschäftswelt ließe sich das "Concorde-Erlebnis" profitabel vermarkten, glaubt der Herr des Londoner Virgin-Imperiums.

          Die Entwicklungskosten für die Concorde, die mit rund 1,4 Milliarden Pfund die ursprünglich angesetzten Planwerte um das zehnfache übertrafen, hätten dabei die Steuerzahler in Frankreich und Großbritannien übernommen. Insofern fallen in Bransons Rechnung nur laufende Kosten für Treibstoff und Wartungsarbeiten an. "Die Tatsache, daß wir BA für jeden Überschallflieger eine Million Pfund bezahlen wollen, belegt, daß unser Geschäftskonzept seriös kalkuliert ist", sagt Branson. Bei BA-Chef Eddington blitzte der vielseitige Unternehmer jedoch mit seiner Offerte über 5 Millionen Pfund für die gesamte Concorde-Flotte ab. Auch bei geringerem Aufwand für Personal und Verwaltung sowie bei höherer Auslastung der 100sitzigen Jets rechne sich der Betrieb der Überschallflieger nicht, heißt es kategorisch in der Londoner Konzernzentrale von BA.

          Gleichzeitig ließ der Flugzeughersteller Airbus in Toulouse wissen, daß sie die Versorgung mit Ersatzteilen sowie Wartungsarbeiten für die Concorde aus Kostengründen einstellen werde. Mit dem europäischen Flugzeugkonzern, der unter anderem aus dem französischen Hersteller Aerospatiale und British Aerospace (heute: BAe Systems) entstanden ist, hat sich somit auch der Schöpfer der Concorde aus dem teuren Prestigeprojekt verabschiedet.

          Nicht nur aus Sicht von Air France und BA, sondern auch nach Ansicht von Luftfahrtexperten galt der britisch-französische Überschallflieger schnell als Branchenflop. Noch vor dem offiziellen Erstflug 1976 war der Gesamtabsatz der Concorde-Jets auf mindestens 200 Einheiten veranschlagt worden. Doch die Folgen der Ölkrise in den 70er Jahren, der weltweite Verkaufserfolg des Langstreckenfliegers Boeing B 747 sowie der heftige Widerstand durch Umweltschützer machten die Planzahlen rasch zur Makulatur. Um das ehrgeizige Projekt nicht abstürzen zu lassen, erklärten sich schließlich Air France und BA bereit, 14 Maschinen dieses Typs vor allem auf Nordatlantikstrecken einzusetzen. Die hohen Millionenverluste, die allein bei BA durch den Einsatz der Concorde regelmäßig zu Buche schlugen, wurden dabei intern mit den üppig dotierten Marketingetats des britischen Konzerns verrechnet.

          Den jüngsten Rückschlag mußten die Betreiber verkraften, als im Juli 2000 eine Concorde der Air France abstürzte. Der tragische Unfall von Paris machte bei BA Sicherheitsinvestitionen von rund 30 Millionen Pfund erforderlich und bestärkte Konzernchef Eddington in seinem Plan, den endgültigen Rückzug aus dem Concorde-Projekt einzuleiten.

          Doch Branson läßt nicht locker. Um den Widerstand des Erzrivalen zu brechen, schaltete der medienbewußte Unternehmer sogar die britische Wirtschaftsministerin Patricia Hewitt, um bei den Verkaufsverhandlungen zwischen BA und Virgin Atlantic zu vermitteln. "Die Regierung in London müßte ein großes Interesse daran haben, daß die Concorde weiter in der Luft bleibt", rechtfertigt Branson die staatliche Intervention, "schließlich ist der Überschalljet ein Vorzeigestück für die britische Luftfahrtindustrie". Bislang hielt sich die britische Ministerin indessen aus dem Streit zwischen Branson und Eddington heraus.

          Kritiker halten dem Virgin-Gründer vor, daß er durch seine "Concorde-Initiative" vor allem Werbung in eigener Sache betreibt. Der Chef des britischen Firmenimperiums, der mit Fluglinien, Eisenbahnen oder Handys insgesamt rund 3,5 Milliarden Pfund umsetzt, versteht es immer wieder, sich und seine Produkte durch aggressive Werbung oder spektakuläre Auftritte ins Gespräch zu bringen.

          Um im Fall Concorde jedoch den Vorwurf eines cleveren Werbetricks zu entkräften, hält Branson einen weiteren Vorschlag parat: Falls der Verkauf zwischen BA und Virgin Atlantic scheitern sollte, schlägt er die Gründung einer Stiftung vor. Die gemeinnützige Institution solle zumindest zwei Überschalljets weiterhin in Betrieb halten und für Sondereinsätze bei internationalen Flugschauen zur Verfügung stellen. Seiner geplanten Concorde-Stiftung will Branson 1 Million Pfund als Startkapital zur Verfügung stellen. In der britischen Öffentlichkeit wäre ihm dann der Titel "Retter eines nationalen Industriedenkmals" sicher.

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