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Corona-Pandemie : Lügen auf Facebook bremsen die Impfbereitschaft

Die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht appelliert an die Verantwortung der Internetnutzer. Bild: dpa

Justizministerin Christine Lambrecht warnt davor, dass Falschbehauptungen Menschen vom Impfen abhalten. Tun die sozialen Netzwerke genug, um das zu verhindern?

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          In der Debatte um den Umgang mit hartnäckigen Impfverweigerern gerät die Rolle der sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter oder TikTok stärker in den Blick. Sie liefern die Plattform für unzählige Falschmeldungen im Zusammenhang mit Corona-Impfungen: Dort verbreiten sich in Windeseile unwahre Behauptungen, wonach die Vakzine nicht hinreichend getestet seien oder zur Unfruchtbarkeit führten. In den Vereinigten Staaten hat das schon den amerikanischen Präsidenten Joe Biden auf den Plan gerufen. Er warf Facebook sogar vor, für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein. Facebook weist das entschieden zurück. Später relativierte Biden seinen Vorwurf, und zielte statt dessen auf einen kleinen Teil der Nutzer.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In Deutschland greift kein Politiker die Netzwerke direkt an, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) appelliert jedoch an die Verantwortung der Internetnutzer: „Wer mit Verschwörungsmythen und bewussten Falschinformationen in sozialen Netzwerken Ängste vor einer Impfung schürt, handelt völlig verantwortungslos“, sagte sie der F.A.Z. „Es kann dazu führen, dass Bürgerinnen und Bürger aufgrund von falschen Informationen von einer Impfung absehen und dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch andere gefährden.“

          Sie erinnerte daran, dass es immer noch viele Menschen gebe, die sich nicht selbst durch eine Impfung schützen könnten, etwa Kinder unter zwölf Jahren oder Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Auch für Schwangere gebe es im Moment keine generelle Impfempfehlung. In der öffentlichen Debatte spielte die Rolle der sozialen Medien für die Impfbereitschaft bisher nur eine untergeordnete Rolle, obwohl diese unbestritten einen großen Einfluss haben. Dafür wird umso heftiger darüber gestritten, ob entgegen früheren Aussagen nun doch bald eine allgemeine Impfpflicht in Deutschland eingeführt werde, um der immer schleppender verlaufenden Impfkampagne neuen Schwung zu verleihen.

          Reichen seriöse Hinweise allein?

          Kritiker warnen, dass das die Fronten nur weiter verhärten könnte. Justizministerin Lambrecht hat zudem Zweifel, ob eine solche allgemeine Impfpflicht rechtlich zulässig wäre. „Gegen bewusste Falschinformationen helfen am besten Fakten und verlässliche Informationsangebote. Es kommt auf uns alle an, nur vertrauenswürdige und seriöse Informationen zu teilen“, sagt sie. „Es ist ganz wichtig, dass wir nun alles tun, um für eine Impfung zu werben und alle Bürgerinnen und Bürger gut über die Impfungen zu informieren – damit wir Ängste nehmen und in eine Zukunft ohne weitere Einschränkungen blicken können.“

          Allerdings mehren sich Zweifel, ob das Angebot an seriösen Informationen allein schon ausreicht. Die gibt es inzwischen auf allen sozialen Netzwerken zuhauf. Das Bundesgesundheitsministerium wirbt auf allen erdenklichen Plattformen mit den Vorzügen einer Impfung, auch Medien sind mit Aufklärungsvideos zu den gröbsten Fehlinformationen vertreten. Die Auswirkungen der Flut von Fehlinformationen im Netz merken dagegen Arbeitgeber, die mit den Vorbehalten ihrer Mitarbeiter konfrontiert sind und die wesentlich mehr Einsatz zeigen müssen, um die Fehlinformationen zu korrigieren.

          Solche Erfahrungen haben etwa die St. Gereon Seniorendienste gemacht, die Altenpflegeheime und einen ambulanten Pflegedienst betreiben. Der Geschäftsführer Gerd Palm stand dort vor dem Problem, dass unter den 300 Auszubildenden die Impfskepsis besonders groß war, wesentlich größer als beim übrigen Personal. Der Grund: Viele der jungen Menschen schauten nun mal keine Nachrichten, sondern informierten sich über Facebook und andere Plattformen. Dort kursieren viele Gerüchte, auch über die angebliche Unfruchtbarkeit durch die Corona-Impfung. „Also haben wir uns mit denen hingesetzt und ihnen erklärt, was wir wissen“, berichtete Palm. Viele ließen sich überzeugen, dass an den gestreuten Vorbehalten nichts dran war.

          In den Vereinigten Staaten ist die Diskussion über die Rolle der sozialen Medien schon im vollen Gange. Dort werden die gegenseitigen Vorwürfe seit Tagen sogar auf höchster Ebene ausgetauscht. Den schwerwiegenden Vorwurf des Präsidenten, Facebook töte Menschen, konterte das soziale Netzwerk mit der Vermutung, der Präsident wolle davon ablenken, dass er die eigenen Impfziele nicht erreiche. Biden hatte versprochen, bis zum Unabhängigkeitstag seien 70 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Tatsächlich sind es derzeit ähnlich wie in Deutschland nur etwa die Hälfte.

          Mancher hält Facebook für eine Gefahr.
          Mancher hält Facebook für eine Gefahr. : Bild: Reuters

          Faktenfrei auf Tiktok unterwegs

          Teil des Problems dürfte sein, dass die Netzwerke nur beschränkte Mittel haben, um die Anti-Impf-Kampagne einzudämmen. Facebook etwa geht gegen Fehlinformationen im Zusammenhang mit Covid-19 schon rigider vor als sonst. Seit Beginn der Pandemie habe das Unternehmen 18 Millionen Inhalte mit Falschinformationen zu Covid-19 und Impfstoffen entfernt, erläuterte ein Sprecher. Allerdings gibt es auch viele geschlossene Gruppen, deren Austausch sich ohnehin nur schwer überprüfen lässt.

          Auch auf dem unter Jugendlichen sehr beliebten Netzwerk TikTok zeigt sich, wie schwierig es ist, des Problems Herr zu werden. Dort gibt es etliche Äußerungen, häufig mit den neuesten Hits unterlegt, sich nicht impfen zu lassen. Andere mehr oder weniger bekannte TikTok-Nutzer berichten völlig faktenfrei darüber, dass sie sich nicht impfen lassen. Stattdessen beschweren sie sich, dass sie wegen dieser Weigerung für dumm verkauft werden. Als reine Meinungsbekundungen dürfte es wohl kaum gerechtfertigt sein, diese zu löschen – auch wenn sie das Zeug haben, Jugendliche von einer Impfung abzuhalten, obwohl es für sie schon seit Monaten einen zugelassenen Impfstoff gibt.

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